Euro-Zone : Gute Nachrichten von der Krise

In der Schuldenkrise jagt eine schlechte Nachricht die nächste. In vielen Krisenstaaten ist die Wirtschaft eingebrochen. Es gibt aber auch Grund zur Hoffnung, wie ein Blick auf andere Zahlen zeigt. Nun heißt es schlicht durchhalten.

Hans-Christian Müller
Hoffnungsschimmer. Die Krisenländer machen Fortschritte bei den Lohnkosten – auch Griechenland holt auf.
Hoffnungsschimmer. Die Krisenländer machen Fortschritte bei den Lohnkosten – auch Griechenland holt auf.Foto: picture alliance / dpa

Die Konjunkturdaten für die Krisenstaaten der Euro-Zone, sie sind trübe: In Spanien und Italien wird die Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen, in Portugal und Griechenland sogar regelrecht einbrechen. Und auch die Arbeitslosenraten stecken auf Rekordniveau fest. Doch die düsteren Zahlen verdecken, dass es auch so manche positive Entwicklung gibt. Das lässt sich zwar noch nicht am Wachstum ablesen, wohl aber an anderen Daten.

Ohnehin waren die Konjunktureinbrüche absehbar, die Ökonomen hatten bereits damit gerechnet. Von „Anpassungsrezessionen“ spricht daher Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Bei schmerzhaften Reformprogrammen, wie sie die Krisenstaaten gerade stemmen, seien sie eine logische Folge. „Man muss Geduld haben jetzt“, sagt Matthes.

Tatsächlich stehen die Chancen gut, dass die Euro-Zone die Ungleichgewichte, die den ganzen Währungsraum in Schieflage gebracht haben, deutlich reduzieren kann. Etwa beim Thema Wettbewerbsfähigkeit: Bis zum Ausbruch der Krise im Jahr 2008 waren die Produktionskosten in den Krisenstaaten viel stärker gestiegen als in Deutschland. Um wieder konkurrenzfähig zu werden, müssen die Lohnstückkosten sinken, also der Lohn, der für die Produktion eines Gutes gezahlt werden muss. Das geht über bessere Technologien, also Innovationen und Investitionen in die Produktion – oder durch sinkende Löhne.

Aktuelle Daten von Conference Board, einem internationalen Thinktank, geben Grund zu Hoffnung: Vor allem Irland und Spanien ist es gelungen, die Lohnstückkosten in der Industrie im Vergleich zum Jahr 2008 zu senken: in Irland um 6,3 Prozent und in Spanien um 4,4 Prozent. Inflationsbereinigt sind die Verbesserungen noch deutlich höher. In Portugal stiegen die nominalen Kosten zwar leicht an, allerdings deutlich langsamer als im Durchschnitt der Euro-Zone. Kleinere Fortschritte machen zwar Italien mit plus 5,6 Prozent und Griechenland mit 4,4 Prozent. Im Vergleich zu Deutschland holen sie aber auf. „Diese Entwicklung ist eindeutig ein gutes erstes Zeichen“, sagt Bert Colijn, Ökonom bei Conference Board. Allerdings sei bisher vor allem die tiefe Rezession für die verbesserten Zahlen verantwortlich, also eher gesunkene Löhne als bessere Technik. Langfristig komme es darauf an, die Firmen wieder zu Investitionen und Innovationen zu ermutigen, sagt Colijn.

Eine Frage, die immer wieder kontrovers diskutiert wird: Wie sehr müssen die Kosten im Vergleich zu den starken Euro-Staaten sinken, um sich im internationalen Wettbewerb wieder behaupten zu können? Ökonomen wie Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, nennen dabei Größenordnungen von 20 Prozent für Spanien und 30 Prozent für Portugal und Griechenland. Doch andere Experten halten diese Werte für massiv überzogen. So schätzt Erik Nielsen, Chefökonom der Großbank Uni Credit, den Anpassungsbedarf auf unter zehn Prozent. „Entscheidend ist in erster Linie, ob die Länder ihre hohen Leistungsbilanzdefizite abbauen können“, sagt Nielsen. Die gelten als entscheidender Grund für die Krise: Jahrelang flossen deutlich mehr Kapital und Güter in die Krisenstaaten, als diese exportierten. Die Folge: Die Auslandsverschuldung von Staat und Privathaushalten explodierte.

Doch die Bilanzungleichgewichte in der Euro-Zone haben sich zuletzt deutlich angenähert, stärker noch als die Lohnstückkosten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass Portugal sein Defizit von 13 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2008 auf vier Prozent in 2012 reduziert haben wird, Spanien im selben Zeitraum von zehn auf zwei. Auch Griechenland könnte demnach eine Halbierung auf sieben Prozent glücken, während Irland ohnehin bereits wieder Überschüsse verzeichnet.

Bleibt die Frage, ob die Lücke zwischen Ex- und Importen dauerhaft geschlossen werden kann. Ökonom Matthes ist optimistisch, schließlich sei es den Krisenstaaten zuletzt gelungen, nicht nur die Importe einzuschränken, sondern auch, mehr zu exportieren. „Das wäre nicht geschehen, wenn es nicht auch strukturelle Verbesserungen gegeben hätte.“

Die Gefahr, dass die Staaten nach überstandener Rezession wieder von Importen abhängig werden und die Ungleichgewichte erneut wachsen, halten Beobachter für klein: „In Spanien zum Beispiel war der Häuserboom der Hauptgrund für die hohen Importe vor der Krise“, sagt Erik Nielsen. Doch der sei vorbei – und die Menschen bräuchten keine Kühlschränke oder Waschmaschinen mehr aus dem Ausland.

Auch beim Hauptschauplatz der Reformpolitik, dem Schuldenabbau, macht die Euro-Zone große Fortschritte. Darauf deuten zumindest Schätzungen des IWF hin. Danach dürfte das Haushaltsdefizit der Euro-Staaten zwischen 2009 und 2013 um fast vier Prozent der Wirtschaftsleistung oder rund 350 Milliarden Euro sinken. Das ist mehr als die Summe, die die Staaten zurzeit für Armeen, Polizei, Gerichte und Gefängnisse ausgeben. Bei den Krisenstaaten liegen die Einsparungen noch höher: Griechenland wird bis 2013 rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung eingespart haben, Portugal, Spanien und Irland rund sieben und Italien fünf.

Lässt man den Schuldendienst außer Acht, dürften laut IWF zumindest Griechenland und Portugal im nächsten Jahr wieder Überschüsse erwirtschaften, also einen positiven Primärsaldo. Italien schaffte das schon 2011. HB

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