Wirtschaft : Europa: Die Unternehmen schalten einen Gang zurück

Christopher Rhoads

Wenn man erkennen will, wie sehr die Terrorattacken die europäische Wirtschaft gelähmt haben, muss man ins westfälische Lippstadt blicken. Zwei Tage nach der Tragödie hat der Automobilzulieferer Hella KG Hueck & Co die Pläne für ein osteuropäisches Werk zunächst ad acta gelegt. Hella will einige Monate abwarten und dann entscheiden, ob es das Vorhaben weiterverfolgen wird. Wegen des Terrors könnte der Ertrag in diesem Jahr um 20 Prozent niedriger ausfallen, befürchtet der Finanzvorstand.

Unternehmen in ganz Europa vermeiden Investitionen sowie die Einstellung neuer Mitarbeiter und nehmen Abstand von Übernahme- oder Fusionsplänen. Fluggesellschaften und die Tourismus-Branche reduzieren ihre Geschäfte. Doch nicht nur diese: In den drei Wochen seit den Angriffen auf das World Trade Center haben Unternehmen aus den verschiedensten Branchen - von Automobilkonzernen über Luxusgüterhersteller bis zu Produzenten von Badezimmerarmaturen - ihre Aktivitäten zurückgefahren. In der vergangenen Woche hat VW die Produktion in den Werken Emden und Wolfsburg als "Vorsichtsmaßnahme" gestoppt, das französische Bauunternehmen Vinci SA ließ seine Übernahmepläne für den britischen Flughafenbetreiber TBI fallen und der italienischen Luxusgüterhersteller Gucci reduzierte seine Ertragsprognose.

"Wir sind äußerst vorsichtig und sorgen für alle Möglichkeiten vor", sagt Michael Treschow, Chef des schwedischen Haushaltsgeräteherstellers Electrolux. "Zum jetzigen Zeitpunkt ist Flexibilität gefragt, und nicht mutige Erklärungen." Der Umsatz von Electrolux in den USA ist am Tag nach den Terrorangriffen um 50 Prozent eingebrochen. Mittlerweile haben sich die Verkäufe auf einem Niveau eingependelt, das zehn Prozent unter dem des Vorjahres liegt.

Mit ihrer Reaktion auf die Terrorangriffe machen die Unternehmen die Situation noch schlimmer. Sie drücken die ohnehin schwache Weltkonjunktur noch weiter ab. Die Investmentbank Morgan Stanley erklärte vergangene Woche, dass die Wirtschaft im Euroraum in Folge der Geschehnisse in den USA im vierten Quartal um 0,1 Prozent schrumpfen werde. Damit gerate Europa in die unmittelbare Nähe einer Rezession, sagte Eric Chaney, Ökonom bei der Pariser Dependance von Morgan Stanley. Chaney erwartet, dass die Investitionen im kommenden Jahr nur um 0,7 Prozent wachsen werden. Vor den Terrorangriffen waren noch 4,5 Prozent prognostiziert worden. Dass das USVerbrauchervertrauen im September auf den tiefsten Stand seit dem Golfkrieg gesunken ist, macht die Sache nicht besser. Ein Einbruch des amerikanischen Konsums würde zu einem weiteren Rückgang bei den europäischen Exporten in die USA führen. Diese machen 2,2 Prozent des BIP im Euroland aus.

Auch in anderer Weise könnte sich der Rückgang der US-Nachfrage auf Europa auswirken: Wenn die Amerikaner weniger von asiatischen Firmen kaufen, werden letztere auch weniger aus Europa importieren. Ein weiterer Aspekt der US-Terrorattacken sind die Folgen für den Euro: Wenn die europäische Währung weiter gegenüber dem Dollar an Wert gewinnt, würde die europäische Wirtschaft weitere Einbuße hinnehmen müssen, weil europäische Exporte im Ausland teurer würden. Darüber hinaus könnte ein längerer militärischer Konflikt die Ölpreise verteuern und damit zu einer höheren Inflationsrate führen.

Weil die Zukunft so unsicher ist, beißen Unternehmen entweder die Zähne zusammen oder versuchen auf den Nachfrageeinbruch zu reagieren. Zu letzteren zählt die französische Hotelgruppe Accor SA. Wegen der Terrorangriffe und ihrer Folgen werde das Unternehmen vielleicht gezwungen sein, bis zu 35 Prozent seiner für 2002 geplanten Investitionen in Höhe von 1,38 Milliarden Dollar zu streichen, sagt der AccorChef Jean-Marc Espalioux. "Auf Eis gelegt" sind auch Vorhaben der größten europäischen Hotelkette, eine Reihe neuer Hotels in den USA zu bauen, darunter zwei neue Sofitel-Hotels in San Francisco und Dallas. Über den Einbruch beim Tourismus ist auch die Londoner Touristik-Website Ebookers.com betroffen. In Folge der Attacken in den USA kam es zu rund 650 Stornierungen für Flüge, Hotels und Mietwagen von europäischen Kunden. Er prüfe allgemeine Kosteneinsparungen, unter anderem auch eine Kürzung bei der Belegschaft, sagt der Unternehmenschef Dinesh Dhamija.

Der italienische Luxusgüterhersteller Gucci will ebenfalls seine Kosten senken. "Wir sparen überall", sagte der Gucci-Chef Domenico de Sole. "Wir überprüfen sämtliche Bereiche." Gucci sei zwar ein recht schlankes Unternehmen, doch würden unter anderem die Budgets für Reisen, Öffentlichkeitsarbeit und PR auf Einsparmöglichkeiten untersucht. Mit eine deutlichen Zurückhaltung der Verbraucher rechnet auch Remy Cointreau SA. Nach den Angriffen hat das französische Unternehmen beschlossen, seine Prognosen für das laufende Geschäftsjahr von 20 Prozent auf fünf bis zehn Prozent Wachstum beim Reingewinn zu senken. Angesichts der Ereignisse sei es "weise", die Prognose herabzustufen, sagt die Unternehmens-Chefin Dominique HeriardDubreuil. Das Unternehmen nahm auch Abstand von dem Plan, für eine der früheren Seagram-Getränke-Sparten ein Angebot an Pernod Ricard SA und Diageo Plc zu machen. Auch andere potenzielle Übernahmen fallen flach. Das größte spanische Mobilfunkunternehmen Telefónica hat Abstand davon genommen, die restlichen 54 Prozent der Aktien der brasilianischen Celular CRT Participacoes zu übernehmen.

Selbst für Badezimmer-Armaturenhersteller sieht es derzeit nicht so rosig aus. Zehn Tage nach den Angriffen habe er entschieden, den Kauf neuer Maschinen oder 15 Prozent der geplanten Investitionen zu verschieben, sagt Andreas Dornbracht, Vorstandsvorsitzender der Dornbracht GmbH in Iserlohn. Und statt wie geplant 30 neue Mitarbeiter in den kommenden Monaten einzustellen, sollen es jetzt nur noch zehn sei. "Das Kaufmotiv eines neuen Badezimmers ist gewöhnlich ästhetischer Natur", sagte er. "Und das kann offenbar warten, wie ich jetzt feststelle." Bislang hat er bei den Aufträgen noch keinen Rückgang gespürt, da hier die Kaufentscheidungen schon vor mehreren Wochen getroffen worden waren. Es werde noch einige Wochen dauern, bis man die Folgen spüren würden, "aber wir sehen sie kommen".

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