Wirtschaft : Europa dockt bei der Raumstation Alpha an

HEIKO SCHWARZBURGER

Aufbau soll noch 1998 beginnen / Labor kostet 2,4 Mrd.Ecu / Russische Partner in Verzug / Erstmals industrielle Forschung im AllVON HEIKO SCHWARZBURGERDie "Columbus Orbital Facility" (COF), der europäische Beitrag zur Internationalen Raumstation "Alpha", wird wie vorgesehen in vier Jahren abflugbereit sein.Dies bestätigte Manfred Bischoff, Chef der Daimler Benz Aerospace (Dasa) und Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrt (BDLI), am Montag auf der ILA.Die Dasa hat bei dem Projekt innerhalb der zehn europäischen Partner die Systemführerschaft übernommen."Damit liefern die Europäer mit dem neuen Forschungslabor einen der wichtigsten Teile: den äußersten Tender der Station im All." Noch 1998 soll der Aufbau der Raumstation beginnen.Zuerst spannen die Amerikaner einen Gitterrahmen auf, an den später die Module der anderen Partner andocken sollen.Bis zur vollen Betriebsaufnahme im Jahr 2003 wird die Station die Fläche von zweieinhalb Fußballfeldern einnehmen.45 Einzelflüge mit Space Shuttles oder den russischen Progress-Transportern werden notwendig sein, um die Module in den erdnahen Orbit zu schießen.Dort sollen sie dann 15 Jahre bleiben.Neben den USA und Europa sind Kanada, Japan und Rußland beteiligt.Derzeit liegen die russischen Partner hinter dem Zeitplan zurück, ihre Servicestation sollte planmäßig 2002 als zweites Modul an den amerikanischen Grundkörper andocken.Joachim Gülpen ist Projektleiter bei der Dasa-Dependance für Raumfahrt Infrastruktur (Dasa-RI) in Bremen.Er sieht das Projekt durch den Zeitverzug nicht gefährdet.Im Gegenteil: "Für den Fall, daß die russischen Partner ihr Servicemodul nicht rechtzeitig liefern können, ist ein Start unseres Moduls drei Monate früher möglich", so der Manager.Über die Kosten eines möglichen Verzugs konnte er keine Angaben machen: "Die Russen haben eine sehr undurchsichtige Buchführung." Allerdings hat die Dasa den Bau zu Festpreisen verhandelt und trägt damit ein großes unternehmerisches Risiko.Bis auf den russischen Anteil sind die Aufwendungen für das himmelstürmende Projekt bekannt.Die USA hat vorerst 21 Mrd.Dollar aufgelegt, bei der Nasa sind jedoch einige Reserven eingeplant.Eine amerikanische Gutachtergruppe hatte kürzlich den Preis einer dreijährigen Verzögerung mit 7,3 Mrd.Dollar berechnet."Sollte das passieren", so Gülpen, "könnte es durchaus etwas mehr werden."Das europäische Forschungslabor kostet etwa 2,4 Mrd.Ecu."Der deutsche Anteil an Columbus", so Dasa-Chef Bischoff, "liegt zwischen 1996 und 2003 bei jährlich 3,50 DM pro Bundesbürger".Japans Modul wird etwa drei Mrd.US-Dollar kosten.Die europäische Forschungsplattform wird erstmals industrienahe Forschung im All ermöglichen.Bislang war es nur wenigen Forschern vergönnt, ihre Experimente in die Umlaufbahn zu schicken.Meist handelte es sich um Grundlagenforschung, denn für industrielle Experimente reichte die Wiederholrate, sprich: Starthäufigkeit der Trägerraketen, nicht aus.Die russische Station Mir, bislang einzige Möglichkeit für industrielle Forschungen unter Schwerelosigkeit, hatte nicht genug Ressourcen.Vor allem ihre Datenübertragungsrate ließ große Informationsmengen nicht zu.Auf die Erde zurückkehrende Proben durften nicht schwerer als zehn Kilogramm sein.Das soll sich mit COF ändern: "Es wird Energie und Platz genug für vielseitige Forschungen geben", erklärte Hartmut Ripken, bei der Deutschen Agentur für Luft- und Raumfahrt (DLR) für die Nutzungsprogramme zuständig."Ein Drittel geht an die Grundlagenforschung, ein Drittel an Aufgaben aus der angewandten Forschung und ein Drittel an Aufträge aus der Industrie, etwa für miniaturisierte Bauteile in Satelliten." Dieses Vorhaben aus der Hochtemperatur-Supraleitung tragen Bosch und die Telekom zusammen.Damit lassen sich Bauteile um den Faktor zehn verkleinern, was zu erheblichen Einsparungen beim Satellitentransport in den Weltraum führen wird.Mehr als einhundert Wissenschaftlergruppen aus ganz Europa haben sich um eine Teilnahme beworben.Insgesamt sieben Wissenschaftler und Astronauten sollen die Station permanent bewohnen.

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