Wirtschaft : Europa in der Dollar-Falle

Der starke Euro setzt immer mehr Unternehmen zu, die ihren Umsatz vor allem in Nordamerika machen

Michael R. Sesit[London]

Viele europäische Unternehmen leiden unter der Konjunkturflaute. Und unter steigenden Kosten, die sie nicht mit höheren Preisen kompensieren können. Das letzte, was ihnen noch fehlt, ist eine Abwertung des Dollars. Doch genau das passiert – der Euro hat gegenüber dem Dollar zugelegt. Und das bedeutet auch für viele Anleger nichts Gutes.

Seit Beginn des vergangenen Jahres ist der Kurs des einst mächtigen Dollars zum Euro um 16 Prozent gesunken. Zum Schweizer Franken verlor er 17 Prozent, zum Pfund neun und zum Yen um 10 Prozent. Und immer mehr Experten des Devisenmarktes meinen, es komme noch schlimmer. Selbst die Vernünftigeren unter ihnen rechnen damit, dass der Dollar bis zum Jahresende um weitere vier bis acht Prozent gegenüber dem Euro verlieren wird. Für die europäischen Unternehmen sind das schlechte Nachrichten. „Wenn früher der Kurs des Euro oder seiner Vorgängerwährungen zum Dollar gestiegen ist, gerieten die Unternehmensgewinne in Europa unter Druck“, sagt Saul Henry, europäischer Aktienanalyst bei UBS Warburg. „Auch die Wirtschaft leidet unter dem stärkeren Euro – und beides zusammen ist für den europäischen Aktienmarkt nicht gut.“

Nüchtern lässt sich sagen: Währungen steigen und Währungen fallen. Man darf nur nicht auf der falschen Seite der Wechselkursbewegung stehen. Nehmen wir den 21 Länder umfassenden MSCI-Index „Europe, Australasia, Far East“, der auf Dollarbasis berechnet wird: Für Anleger im Euroraum sank der Index seit dem 31. Dezember 2001 um 29 Prozent. Für einen Amerikaner, oder jeden anderen, der in Dollar rechnet, beträgt das Minus nur 16 Prozent. Ähnlich sieht es aus, wenn man die Verluste an den US-Börsen von Dollar in Euro umrechnet: Dann vergrößert sich das Minus von 21 auf 33 Prozent.

Das ist nur ein Aspekt der Dollarschwäche. Ein anderer sind die negativen Folgen für europäische Unternehmen und Volkswirtschaften. Viele sind vom Export abhängig. Weil ein starker Euro die gleiche Wirkung hat wie eine restriktive Geldpolitik, kann er das Wirtschaftswachstum verlangsamen – wenn nicht die Europäische Zentralbank mit Leitzinssenkungen entgegensteuert. Wenn der Kurs des Dollar zum Euro um zehn Prozent sinkt, würde die Eurozone 2004 nicht wie erwartet um 1,4 Prozent, sondern nur noch um 0,8 Prozent wachsen.

Den Unternehmen schadet ein steigender Eurokurs mehrfach: Zunächst verteuert er die Exporte und macht sie international weniger wettbewerbsfähig. Dann verringert er die im außereuropäischen Ausland erzielten Gewinne, weil sie in Euro weniger wert sind. Immerhin 36 Prozent ihres Auslandsumsatzes machen europäische Firmen im Schnitt in Nordamerika, sagt ABN-Amro-Volkswirt Philip Chitty. Wenn der Dollarkurs um zehn Prozent fiele, würden die europäischen Unternehmer 2003 nur noch halb so hohe Gewinne machen wie erwartet. Wer verdient und wer verliert aber nun am „Euro-Ausbruch“, wie ihn David Abramson vom Analystenhaus BCA Research nennt?

Ein starker Euro drückt die Kurse

Auf der Suche nach einer Antwort – oder zumindest einer Ahnung – bemühen Investmentstrategen die Geschichte und die Statistik. In den vergangenen 20 Jahren schwächelten die Aktienkurse europäischer Unternehmen bei sinkendem Dollarwert, heißt es bei UBS Warburg. Das Bankhaus schätzt, dass ein zehnprozentiger Anstieg des Euro den Aktienmarkt um sechs Prozent nach unten treibt. Wie stark der Aktienkurs reagiert und ein Unternehmen unter einem schwachen Dollar leidet, hängt von seiner Exportabhängigkeit ab. Die beiden exportabhängigsten europäischen Branchen sind Auto- und Pharmahersteller. Sie machen mehr als 40 Prozent ihres gesamten Umsatzes in Nordamerika. „Natürlich geht man davon aus, dass Branchen mit einem großen Umsatz in Amerika empfindlicher auf die Dollarschwäche reagieren“, sagt Michael Hartnett von Merrill Lynch. „Der eindeutige Verlierer ist die Old Economy, exportabhängige Aktien wie ein großer Teil der Dax-Unternehmen, Autohersteller, Chemie- und Stahlunternehmen sowie Werften“, sagt David Abramson.

Die Investmentbanken haben europäische Unternehmen aufgelistet, die von einem schwachen Dollar am meisten betroffen sind. Auf der Liste von Merrill Lynch stehen unter anderem die Pharmahersteller Aventis und Schering, die Ölkonzerne Royal Dutch Petroleum, Total-Fina-Elf und Repsol sowie die dänischen Reedereien D/S 1912 und D/S Svendborg. Auf der UBS Warburg-Liste finden sich Daimler-Chrysler und VW, Bayer und Ciba und British American Tobacco.

Und wem nutzt die Dollarschwäche? Versorgern und der Telekombranche. Sie machen etwa 85 Prozent ihres Umsatzes in Europa, sagt Hartnett von Merrill Lynch. Außerdem profitierten Einzelhändler von preiswerteren Importen, wenn sie wenig Geschäfte im außereuropäischen Ausland machten, sagt Abramson von BCA. Sowohl Hartnett als auch Abramson glauben, dass die EZB auf den stärkeren Euro mit Zinssenkungen reagieren wird. Und beide setzen deshalb auf französische, spanische, italienische, niederländische und skandinavische Banken.

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