Wirtschaft : Europas Reisebranche ist in Bewegung

DÜSSELDORF (ek/HB).Wenn die Europäer in den Pauschalurlaub fliegen, klingelt entweder bei deutschen oder bei britischen Reiseveranstaltern die Kasse.Denn die Verbraucher in Deutschland und in Großbritannen waren die ersten, die für die Flucht aus dem regenverhangenen, grauen Alltag die als Pauschalpaket organisierte Ferienreise in den sonnigen Süden entdeckten.Und für diese Wünsche entwickelte sich allmählich die Touristikindustrie.

Als auch andere Mittel- und Nordeuropäer auf den Geschmack kamen, standen die großen Touristikanbieter aus Deutschland wie aus Großbritannen mit Know-how und Kapital bereit zum Sprung in die neuen Märkte.Der jüngste Einstieg der Preussag bei dem britischen Touristik- und Finanzdienstleister Thomas Cook verändert den europäischen Reisemarkt.Bei der Aufteilung ihrer Einflußsphären sind sich deutsche und britische Veranstalter dabei bisher kaum ins Gehege gekommen.

Die Claims waren bislang weitgehend durch Ostsee- bzw.Nordseewasser getrennt: Während die deutschen Branchenriesen TUI und Neckerman, heute in der C & N Touristic (Neckermann) mit dem Ferienflieger Condor zum "gelben Lager" gewachsen, bereits vor Jahren damit begonnen hatten, direkt oder über Töchter und Beteiligungen bei den mitteleuropäischen Nachbarn Fuß zu fassen, konzentrierte sich die Konkurrenz jenseits des Ärmelkanals vorwiegend auf Skandinavien.Den Anfang machte Airtours mit der Übernahme der Scandinavia Leisure Group, dann folgte der britische Branchenprimus Thomson, der zum Jahresbeginn für umgerechnet rund 770 Mill.DM die Fritidsresor-Gruppe aufkaufte.In den rasch wachsenden Märkten Dänemarks, Norwegens, Schwedens und Finnlands bauten die beiden britisch dominierten Häuser ihren Vorsprung kräftig aus und konnten den Eintritt weiterer Wettbewerber verhindern.Für die deutschen Großveranstalter sind Belgien, die Niederlande und Österreich schon traditionell starke Domänen.Sie gelten teilweise sogar als Testmärkte für den ungleich größeren Heimatmarkt.So ist Neckermann mit mehreren Töchtern Branchenprimus in Belgien, weit vor dem Touristikunternehmen Jet Air, an dem die TUI eine 50prozentige Beteiligung hält.Auf Platz drei kommen dann schon die Engländer: Airtours übernahm in diesem Jahr die belgische Sun-Gruppe.In den Niederlanden ist die TUI mit weitem Abstand Marktführer; die Neckermann-Gruppe schob sich durch einen Zukauf Ende vergangenen Jahres auf Platz zwei.

Im Nachbarland Österreich tummeln sich traditionell die deutschen Veranstalter.Dabei reichte es für Neckermann Österreich für einen zweiten Platz - in der interessanten Kombination eines 50 : 50-Joint Ventures mit dem Schweizer Veranstalter Kuoni.Danach folgt TUI Austria auf dem dritten Platz.Die Spitzenposition nimmt ein heimischer Anbieter ein: die aus der Fusion der Austrian-Airlines-Tochter Touropa Austria sowie Gulet Touristik entstandene Holding GTT.

In der Schweiz sind Kuoni und Hotelplan seit Jahren Marktführer.Ihnen sitzt die TUI zumindest als Beteiligungsgesellschafter im Nacken.Denn 1997 entstand die neue ITV-Gruppe, mit der die Schweizer Traditionsveranstalter Imholz, TUI Suisse und der Direktanbieter Vögele zum umsatzstarken Dritten avancierten.Nach Einschätzung von Branchenbeobachtern wird die TUI, die bislang nur Minderheitsgesellschafter bei der ITV ist, für den Veranstalterbereich eine Mehrheit übernehmen.

Völlig anders strukturiert ist der französische Markt.Hier sind Nouvelles Frontières und Club Med France mit weitem Abstand die Marktführer.Auch auf den folgenden Plätzen in der Umsatzhitliste bleibt der Markt national besetzt - weder die britischen noch die deutschen Reiseriesen haben bislang größere Schritte in Frankreich unternommen.Das hängt im wesentlichen mit dem etwas anderen Reiseverhalten der Franzosen zusammen: Sie sind keine Freunde des Pauschaltourismus in den sonnigen Süden und bevorzugen bei Auslandsreisen französischsprachige Zielgebiete.

Nur unter ferner liefen sind die übrigen europäischen Länder unter dem Aspekt des Pauschaltourismus zu sehen.Zwar beobachtet die Branche, daß sich etwa auch in den Urlaubsländern Spanien, Portugal und Griechenland Veranstaltermärkte entwickeln, doch bewegt sich dies auf niedrigem Niveau.Etwas anders sieht die Situation in Italien aus."Der Markt wird immer europäischer", stellte das Touristikfachblatt "fvw international" unlängst fest - und berichtete, daß zumindest die TUI an einem Markteintritt interessiert ist.Ein Geschäft mit kleinen Zahlen ist auch noch der Veranstaltertourismus aus Osteuropa heraus.Allein in Polen treffen die großen Briten und die Deutschen aufeinander; Neckermann ist seit 1997 mit einer polnischen Tochter am Markt, die TUI verkauft zunächst nur aus deutschen Katalogen.Und die britische Airtours ist seit Februar groß eingestiegen.

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