Wirtschaft : EZB will Inflation mit Worten in Schach halten

Noch kein Zinsschritt von Zentralbank erwartet

Flora Wisdorff

Berlin - Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte auf ihrer monatlichen Sitzung am Donnerstag verstärkt mit Zinserhöhungen drohen, um die Inflationserwartungen zu dämpfen. „EZB-Präsident Jean-Claude Trichet wird seinen Ton verschärfen“, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bank of America, dem Tagesspiegel. „Die Zentralbank wird ganz klar die Neigung zur Zinserhöhung zeigen“, sagt auch Holger Sandte, EZB-Beobachter bei der WestLB. Eine tatsächliche Zinserhöhung erwarten die Experten jedoch nicht vor dem kommenden Jahr.

Die EZB, die den Leitzins für die Mitgliedsländer der Europäischen Währungsunion bestimmt, hat diesen seit mehr als zwei Jahren konstant bei 2,0 Prozent gehalten. Die Bank richtet sich bei ihren Zinsentscheidungen vor allem nach der Preisstabilität – Ziel ist, die jährliche Teuerungsrate möglichst unter 2,0 Prozent zu halten. Derzeit führt aber vor allem der hohe Ölpreis dazu, dass sich der Inflationsdruck stark erhöht hat – im September stieg die Teuerungsrate auf 2,5 Prozent – das war der höchste Stand seit mehr als einem Jahr. Schon mehrmals hat Jean-Claude Trichet in den vergangenen Wochen Warnungen ausgesprochen. „Wir werden die Inflationserwartungen weiter sehr, sehr genau beobachten“, sagte er Mitte September. Die EZB müsse mit besonderer Wachsamkeit verhindern, dass die Rekordpreise für Öl zu einem generellen Preisanstieg führten.

Neben dem hohen Ölpreis üben auch positive Erwartungen in der Wirtschaft bezüglich der Konjunkturentwicklung einen gewissen Inflationsdruck aus. So überwand im September zum ersten Mal seit sechs Monaten der Einkaufsmanager-Index (EMI) für Deutschland, der mit einer monatlichen Umfrage die Stimmung ermittelt, die entscheidende 50-PunkteSchwelle und kletterte auf 51,0 von 48,7 Zählern. Ein weiterer Faktor, der die EZB zu einer Zinserhöhung neigen lassen könnte, ist die Geldmenge, die sich in den vergangenen Monaten erhöht hat. „Vor allem in Frankreich, Spanien und Irland haben die niedrigen Zinsen zu erhöhten Kreditaufnahmen geführt – wegen der dort sehr hohen Immobilienpreise hat sich Geldmenge überdurchschnittlich erhöht“, sagte Sandte.

Allerdings spricht auch einiges dagegen, dass die EZB die Zinsen tatsächlich bald erhöhen könnte. „Wir sind noch nicht so optimistisch, dass das Wachstum auch wirklich anspringt“, sagt Sandte von der WestLB. Die Stimmung habe sich zwar verbessert, jedoch fehlten noch die „harten Daten“. Erhöht die EZB die Zinsen, würde das einen Aufschwung dämpfen, weil die Kredite dann teurer werden. Auch Dirk Schumacher von Goldman Sachs ist skeptisch. „Wie sich der hohe Ölpreis auf das Wirtschaftswachstum auswirkt, wissen wir noch immer nicht. Da ist noch ein Risiko“. Schmieding verwies zudem auf die „noch immer schwächelnde Binnennachfrage“.

Ausschlaggebend ist zudem, ob es zu einer breiten Teuerungsrate kommt, die nicht mehr hauptsächlich nur von den hohen Energiepreisen ausgelöst wird. Bisher werde die Inflation vor allem vom hohen Ölpreis getragen, sagt Sandte. Jetzt müsse man sehen, ob dies auch auf die Lohnabschlüsse „überspringe“ und die Gewerkschaften von maßvollen Lohnsteigerungen abwichen.

Dafür gebe es jedoch bislang noch keine Anzeichen, sagt Schmieding von der Bank of America. Schmieding findet es falsch, dass Trichet am Donnerstag seinen Ton vermutlich verschärfen wird. „Damit könnte Trichet Erwartungen in den Markt setzen, die dann womöglich nicht erfüllt werden“. Im vergangenen Herbst hatte Trichet ebenfalls den Markt auf Zinserhöhungen vorbereitet, dann aber nicht gehandelt, weil sich das Wirtschaftswachstum schlechter entwickelt hatte als erwartet. „Am besten wäre es, Trichet behielte den gleichen Tonfall bei wie bisher“, sagte Schmieding.

Er rechnet frühestens Ostern mit einem Zinsschritt, die meisten anderen Experten gehen nicht davon aus, dass der Leitzins vor der zweiten Hälfte 2006 erhöht wird.

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