Wirtschaft : Falsche Moral

-

Mit der Entlassung des BoeingKonzernchefs Harry Stonecipher gehen die Neunzigerjahre endgültig zu Ende. Ob Politik oder Wirtschaft: im vergangenen Jahrzehnt wurde im Zweifel eher für leitende Personen als gegen sie entschieden. Das ist jetzt vorbei. Dass Stonecipher wegen einer internen Affäre gehen muss, erscheint fast anachronistisch. Die Frau war ihm nicht direkt unterstellt, und die Beziehung verletzt nicht Boeings Verhaltenskodex.

Stonecipher wurde als Konzernchef geholt, um das Unternehmen aus den Skandalen um Regierungsaufträge herauszuführen, die seinen Vorgänger zu Fall gebracht hatten. In der regulierten Welt des Sarbanes-Oxley-Gesetzes und mit der US-Regierung als größtem Kunden brauchte Boeing einen Geschäftsführer mit blütenweißer Weste.

Was immer Stoneciphers Fehler war, die Anteilseigner von Boeing dürften ihn geringer bewerten als die selbst ernannten Moralapostel. Stonecipher hat sich in den vergangenen 15 Monaten gut gemacht, besonders bei dem Dreamliner-Projekt, mit dem Boeing seinem europäischen Konkurrenten Airbus Paroli bieten will. Allerdings hätte sich die Geschäftsführung ohnehin nach einem Nachfolger für Stonecipher umsehen müssen, da dieser nur bis Mai 2006 zur Verfügung gestanden hätte. In der heutigen, wettbewerbsintensiven Geschäftswelt wird da aus einer Affäre sehr schnell ein schädlicher Skandal.

Die ganze Angelegenheit zeigt, dass sich Mitglieder der Konzernspitze, egal ob männlich oder weiblich, kaum noch Fehltritte leisten können. Seit den Enron- und Worldcom-Skandalen werden Vorstände persönlich haftbar gemacht. Unternehmenschefs werden deshalb aufmerksam beobachtet. Wer hätte gedacht, dass man einen Sex-Skandal in der Politik besser überlebt als in der Wirtschaft?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben