Wirtschaft : Ferien in Euroland

Amerikanische Urlauber können es sich diesen Sommer in Europa richtig gut gehen lassen. Gehobene Restaurants sind mit jenen Touristen gefüllt, die bisher preiswerte Bistros bevorzugten. Auch die teuren Boutiquen in Mailand haben gut zu tun. Denn die Amerikaner haben mit Aktiengewinnen gut gefüllte Portemonnaies, und Europa ist für sie dank des niedrigen Eurokurses plötzlich sehr viel billiger geworden. Seit die europäische Gemeinschaftswährung im Januar eingeführt wurde, ist ihr Wert gegenüber dem Dollar um fast 15 Prozent gefallen. Vergangene Woche erreichte der Euro auch gegenüber dem Yen einen Tiefstand.Für einen Geschäftsinhaber in Mailand ist das nicht problematisch. Doch wirft der sinkende Euro bedeutende Fragen für die Wirtschaft auf. Natürlich verleiht eine schwache Währung der europäischen Wirtschaft kurzfristig Wettbewerbsvorteile. Außerdem sieht es im Moment nicht so aus, als ob der fallende Euro die Inflation anheizen würde. Die Gefahr ist jedoch, daß der momentane Wettbewerbsvorteil die Industrie dazu verführt, erforderliche Produktivitätsverbesserungen aufzuschieben. Und auch der Staat drückt sich vor den notwendigen Reformen, die nötig sind, um die Last der Steuern und Regulierungen zu senken. Europäische Exporteure glauben, die Währungsabwertung löse ihr Problem hoher Produktionskosten. Und die Regierungen - ohnehin schon gelähmt von sozialistischem Gedankengut und dem Widerstand der Gewerkschaften gegen jegliche Veränderung - gehen die eigentlichen Gründe von Arbeitslosigkeit, niedrigem Wachstum und träger Investitionstätigkeit nur schleppend an.Die Europäische Zentralbank (EZB) kann da nur wenig tun. Ein Teil der Euro-Schwäche rührt daher, daß Arbitragehändler einen Kredit in einer Währung mit niedrigen Zinssätzen aufnehmen und ihn in eine andere Währung mit einem höheren Zins eintauschen. Das führt dazu, daß der Kurs der Währung mit dem niedrigeren Zins sinkt - und jener der Währung mit dem höheren Zins steigt. Zwar könnte die EZB theoretisch versuchen, den Zinsunterschied durch eine Leitzinserhöhung zu verringern. Doch das wäre derzeit eine sehr unpopuläre Entscheidung. Vor allem aber rechtfertigen die Preisindikatoren eine Zinserhöhung nicht. Es ist nämlich nicht die Hauptaufgabe der EZB, für einen stabilen Wechselkurs zu sorgen, sondern die Preisstabilität innerhalb der Eurozone sicherzustellen.Angesichts dieser Umstände setzen die Devisenmärkte logischerweise darauf, daß der Euro gegenüber Dollar und Yen schwach bleiben wird. Die europäischen Staaten trauen sich nicht, die Gründe des geringen Wachstums und der hohen Arbeitslosigkeit anzugehen. Zwar hat der Abgang des linken Finanzministers Oskar Lafontaine (SPD) der Wirtschaft Hoffnung gegeben, doch hat Kanzler Gerhard Schröder bisher wenig Reformeifer gezeigt.Noch problematischer ist der sinkende Euro für die Weltwirtschaft. Dollar, Yen und Euro machen den Großteil des internationalen Handels aus. Schwanken die Wechselkurse dieser drei Währungen stark, schadet dies dem Handel und den Investitionen. Zentralbanker haben in den vergangenen zwei Jahren viel über eine stabilere globale Finanzordnung gesprochen. Der Fall des Euro zeigt, daß sie diesem Ziel noch nicht sehr nahe gekommen sind. Der Euro ist für die europäischen Politiker ein ziemlich guter Indikator dafür, was die Welt von ihrer Wirtschaftspolitik hält. Das Urteil sollten sie beachten, denn bald werden die Sommergäste aus dem Ausland nach Hause zurückkehren und ihre Dollars wieder mitnehmen.

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