Wirtschaft : Filz und Korruption halten Jakarta fest umgarnt

ROBERT RIMSCHA

An der Suharto-Familie führt in Indonesien kein Weg vorbei / Die Zweifel an der Reformfähigkeit des Inselstaates wachsenVON ROBERT VON RIMSCHA

Indonesiens Präsident Suharto bekommt derzeit fast täglich einen blauen Brief aus Washington.Ende Dezember warnte der Internationale Währungsfonds (IWF), die im November beschlossenen Hilfsmaßnahmen seien gefährdet, weil Indonesien die Bedingungen für IWF-Kredite nicht erfülle.Dann drohte das Weiße Haus noch unverhohlener, sofortige Reformen seien "entscheidend".In der Nacht zu Freitag rief Bill Clinton Suharto an und redete 20 Minuten auf ihn ein.Vom heutigen Sonntag an landen statt der Briefe und Anrufe die ersten Voraustrupps von Rettungsteams, die IWF und US-Regierung schicken werden. Der aktuelle Anlaß für die Drohungen von IWF und US-Regierung, aus dem "bailout" für den Inselstaat auszusteigen, war die Vorstellung des neuen indonesischen Haushalts, den Beobachter "surreal" nannten.Jahrelang, bis zum Sommer 1997, gab es für den Dollar rund 2500 Rupie.Nach der ersten Runde der Asienkrise schoß der Wechselkurs des Dollars im September 1997 auf 4600 Rupie.Im November beschloß der IWF, mit gut 10,2 Mrd.Dollar zu helfen - das Gesamtpaket umfaßt gut 40 Mrd.Dollar.Dennoch stand der Kurs der indonesischen Rupie Anfang Dezember bei 6000 zum Dollar, zu Neujahr waren es 7000, jetzt sind es bereits rund 10 000.Keine andere asiatische Währung hat einen ähnlich hohen Teil ihres Wertes verloren.Aus Sorge vor weiteren Preissteigerungen reagiert die Bevölkerung inzwischen mit Hamsterkäufen, in Jakarta sind Grundnahrungsmittel wie Reis und Öl bereits so knapp, daß die Regierung mit Aufrufen zur Besonnenheit mahnte. Suhartos neuer Haushalt geht unbeirrt von einem Kurs von 4000 Rupie zum Dollar aus, von einem vierprozentigen Wachstum und um 24 Prozent steigenden Ausgaben.Daß am Freitag alle westlichen Börsenindizes mehrere Prozent verloren, war nicht zuletzt auf die Entwicklung in Indonesien zurückzuführen.Dort, so hieß es, sei die Bereitschaft zu Reformen vor allem deshalb so gering, weil die Privilegien des unmittelbaren Suharto-Umfeldes akut bedroht wären. Die in Berlin ansässige Organisation "Transparency International", die sich um die weltweite Bekämpfung von Korruption und Bestechung bemüht, bewertet Indonesien regelmäßig als eines der korruptesten Länder der Erde.Schmiergeld macht alles möglich.Ausländer, die seit Jahrzehnten im Land sind und florierende Unternehmen aufgebaut haben, haben noch nie eine Rupie Steuern bezahlt, weil die richtigen Beamten geschmiert werden.Ein Job im Staatsapparat kostet ein bis zwei Jahresgehälter "Eintrittsgeld". An der Spitze der Korruptionspyramide steht Suhartos Familie.Seine vor knapp zwei Jahren verstorbene Frau Tien trug den Spitznamen "Frau zehn Prozent", weil es kaum ein Unternehmen gab, an dem sie nicht beteiligt war.Für Suhartos sechs Kinder ist Indonesien eine Versorgungsanstalt.Der jüngste Sohn Hutomo Mandala Putra, genannt Tommy, ein passionierter Rennfahrer und der unpopulärste Mensch im Inselreich, bekam unter internationalem Protest vom Vater den Auftrag, ein "nationales Auto" zu entwickeln.Für Importteile wurden die Zölle aufgehoben, Produktion und Absatz sollten subventioniert werden.Dagegen konnte kein internationaler Autohersteller konkurrieren, und entsprechend heftig war der Widerspruch. 1988 öffnete Indonesiens einzige Fabrik zur Verarbeitung von Sojabohnen, "Sarpindo".Das Unternehmen erhält Regierungssubventionen von rund 21 Mill.Dollar pro Jahr und ist damit Monopolist.Die Fabrik gehört Tommy Suharto.Seine Holding "Humpuss" hat die exklusive Lizenz, Erdgas nach Taiwan zu exportieren.Eine andere seiner Firmen hat die exklusive Lizenz, Sojabohnen zu importieren. Wie Klan-Wirtschaft in Indonesien funktioniert, zeigt auch das Beispiel "Bintang".Suharto-Sohn Tommy kam auf die Idee, seine Beteiligung auf dem Biermarkt - eben bei der Marke "Bintang" - besser zu nutzen.Er ließ den Vater eine Verordnung herausgeben, der zufolge jede Bierflasche, also auch die der Konkurrenz, einen Steueraufkleber haben muß.Deren Produktion und Verteilung ging per Exklusivlizenz an Tommy - die Biersteuer auch. Sohn Sigit, der Älteste, dem etliche Beteiligungen und eine Bank gehören, soll 1993 knapp 200 Mill.Dollar Privatvermögen gehabt haben.Auch Sohn Bambang ist ein von Regierungsaufträgen lebender Geschäftsmann.Seine Holding, "Bimantara", hatte vor der Krise einen Jahresumsatz von einer halben Mrd.Dollar.Tochter Siti Hardianti Rukmana, Tutut genannt, wurde reich, weil ihre Baufirma den Auftrag erhielt, Jakartas Straßen und internationale Infrastrukturprojekte auszuführen.Tutut darf auch - exklusiv - Maut für ihre Straßen verlangen.Als Anfang 1996 mitten in Jakarta eine neue Straßenbrücke einstürzte und mehrere Menschen starben, wurde publik, daß Tututs Baufirma für minderwertigen Stahlbeton ein 23stel dessen zahlte, was sie von der Regierung erstattet bekam. Tutut erhielt 1991 auch die Lizenz, den ersten Privat-Fernsehsender des Landes aufbauen zu dürfen.Anders als der Staatssender durfte sie Werbung senden, die Ausrüstung kam indes gratis vom Staatssender.Tochter Tuti, deren Ehemann Chef einer Armee-Sondereinheit ist, und Tochter Mamik arbeiten ebenfalls für die Regierung, sind aber in der Öffentlichkeit weniger prominent in Erscheinung getreten. Vier Suharto-Kinder, sein Halbbruder und ein Cousin zählen zu den zwölf reichsten Bürgern Indonesiens.Der amerikanische Geheimdienst CIA schätzte Suhartos Privatvermögen 1989 auf 15 Mrd.Dollar - und das seiner Familie auf weitere 15 Mrd.Dollar."Seit Jahren gab es kaum eine einzige Ausschreibung für ein größeres Infrastrukturprojekt, bei der nicht ein Suharto-Verwandter gewonnen hätte", wertet Adam Schwarz, lange Korrespondent der Zeitschrift "Far Eastern Economic Review" in Jakarta.Ein amerikanischer Geschäftsmann in Indonesien antwortete auf die Frage des Tagesspiegels, was denn beim Ende Suhartos als erstes geschehen würde: "Seine Kinder werden gelyncht." Es ist diese Verfilzung zwischen Regierung und Familiengeschäften, zwischen Macht und Geld, die es fast unmöglich erscheinen läßt, innerhalb des gegenwärtigen Systems den Reform-Forderungen des IWF nachzukommen.

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