Wirtschaft : Finanz-Abc: Baisse: Der Schwarze Freitag war eigentlich ein Donnerstag

PETER HEIN

Kaum gehen die Kurse an den internationalen Börsen mal etwas kräftiger in den Keller, streiten die Experten auch schon darüber, was das jetzt war: eine Korrektur - oder schon ein Crash.Die Vergangenheit hat gezeigt, daß die Anleger gut damit beraten waren, in solchen Situationen den Blick für langfristige Perspektiven nicht zu verlieren.

Wer sich einmal den Verlauf eines wichtigen Aktienindex wie etwa des Dax oder des Dow Jones über fünfzehn oder zwanzig Jahre anschaut, wird erkennen, daß die Indexlinie nicht wie ein gerader Strich verläuft.Die Kurse entwickeln sich mit kleineren Ausschlägen nach oben und unten und in einer groben Wellenrichtung fort.Auf Phasen längerer Kursanstiege, die sogenannten Haussen, folgen kürzere, aber in der Regel heftige Abschwungphasen - die Baissen.Dabei kann ein Börsencrash das Ende einer Hausse einläuten, er muß es aber nicht.

Börsencrash, das heißt zunächst einmal: An einem oder mehreren aufeinanderfolgenden Tagen fallen die Kurse von Aktien oder festverzinslichen Wertpapieren sturzartig um zehn oder gar zwanzig Prozent.Solche "Unfälle" passieren an der Börse mit schöner Regelmäßigkeit - zuletzt im Oktober letzten Jahres.Damals sorgte die Währungskrise der asiatischen Tigerstaaten dafür, daß die Aktienkurse zwar nur kurz, aber deutlich in die Knie die Knie gingen.Den bisher größten Super-Crash erlebte die Finanzwelt am 19.Oktober 1987.Binnen Stunden verlor der Dow Jones-Index über 500 Punkte und kam erst bei rund 1700 Punkten zum Stehen - ein Verlust von mehr als 22 Prozent.

Der bekannteste Crash ist der legendäre Schwarze Freitag, der als Datum für den ersten Finanzkrach an den organisierten Kapitalmärkten gilt.Am 24.Oktober im Jahre 1929 (der eigentlich ein Donnerstag war) gaben die Kurse an der New Yorker Börse um rund zehn Prozent nach.Damals war dieser Kursrückgang auch der Auftakt einer langen Baisse, in deren Verlauf sich der Indexstand des Dow Jones zehntelte.

Daß ein Crash sich heute auf eine oder wenige Börsen beschränkt, scheint allerdings unwahrscheinlich.Schließlich sind die Börsen heutzutage weltweit vernetzt, und der Großteil der Anlagegelder vagabundiert um den ganzen Globus.Dabei gilt die Wall Street als Leitbörse.Geht es in New York bergab, können sich die Märkte in Frankfurt, London oder Paris dem kaum entziehen.

Daß Crashs immer wieder vorkommen, ist bekanntermaßen ein massenpsychologisches Phänomen - wie überhaupt die ganze Börse.Zwar gibt es immer auch wirtschaftliche Erklärungen - die überzeugen aber meist erst hinterher.

Geht es mit den Kursen bergauf, heißt das im Grunde nichts anderes, als daß die Optimisten (die Bullen) in der Mehrzahl sind.Sinken die Kurse, weil viele Anleger verkaufen, haben die Pessimisten (die Bären) die Oberhand.

Crashs stehen meist am Ende einer überzogenen Spekulationswelle, auf deren Höhepunkt an der Börse eine geradezu euphorische Stimmung herrscht.Fast jeder glaubt, er könne mit Aktien risikolos und schnell Gewinne machen, weil die Kurse nur noch eine Richtung kennen: nach oben.Wenn sich aber jedermann Aktien zugelegt hat, können kaum noch "neue"Anlegerschichten kaufen und damit die Kurse weiter aufwärts treiben.Meist bedarf es dann nur noch eines vergleichsweise unbedeutenden Ereignisses und die Stimmung kippt blitzschnell um.

Plötzlich will niemand mehr seine Aktien haben, weil die Hoffnung auf die schnelle Mark dahin ist.Die Folge davon: Alle wollen schnellstmöglich und um jedem Preis verkaufen, um so zu retten, was noch zu retten ist.

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