Finanzkrise : Börsen Im Ausnahmezustand

Die Zinssenkung der US-Notenbank und die Rettung von Bear Stearns verschaffen nur eine Atempause - die Angst bleibt. Wer ist das nächste Opfer der Finanzkrise?

Rolf Obertreis,Walter Pfaeffle
Boerse
Die Krise sorgt bei US-Börsenhändlern für schlechte Laune. -Foto: dpa

Frankfurt am Main/New YorkDem schwarzen Montag an der Börse könnten noch weitere düstere Tage auf dem Aktienparkett folgen. Am Montag brach der Dax um 4,2 Prozent auf 6182 Punkte ein und schloss damit so niedrig wie seit Herbst 2006 nicht mehr. Börsianer und Händler sind nach dem Aus für die renommierte US-Investmentbank Bear Stearns und der Zinssenkung durch die US-Notenbank am Sonntag weiter pessimistisch. Die Krise könnte sich letztlich als Bremse auch für die Konjunktur in Europa erweisen. Die Finanzmärkte steckten erst am Anfang der Probleme, hieß es am Montag an der Frankfurter Börse. Das Vertrauen sei massiv gestört, die Unsicherheit so groß wie selten zuvor.

BEAR STEARNS ZUM SCHLEUDERPREIS

Die fünftgrößte US-Investmentbank Bear Stearns stand vor dem Wochenende kurz vor dem Zusammenbruch und wird nun vom Konkurrenten JP Morgan Chase zum Ramschpreis von 236 Millionen Dollar gekauft. Pro Aktie zahlt JP Morgan zwei Dollar. Noch am Freitag wurde die Bear-Stearns-Aktie bei 30 Dollar notiert, 2007 hatte sie ein Allzeithoch von 158,39 Dollar verzeichnet. Am Montag brach der Aktienkurs um 90 Prozent ein. Die Fed erklärte sich bereit, wegen der Liquiditätsprobleme bei der Bank bis zu 30 Milliarden Dollar an Krediten bereitzustellen. Gerüchte über Liquiditätsprobleme bei Bear Stearns kursierten seit Anfang vergangener Woche. Daraufhin zogen Kunden Geld ab und Gläubiger verweigerten notwendige Kredite.

Das Finanzsystem sei derzeit „anfälliger, als wir es uns wünschen“, sagte US-Finanzminister Henry Paulson in einem Fernsehinterview. Die dramatische Rettungsaktion in der Nacht zu Montag löste Schockwellen auch an anderen Börsen aus. Der Dax fiel unter die Marke von 6200 Punkten und lag damit auf dem niedrigsten Stand seit anderthalb Jahren. Zu den großen Verlierern zählten Finanz- und Immobilienwerte. Die Aktie von Hypo Real Estate verzeichnete ein Minus von mehr als zwölf Prozent, die Aktie der Deutschen Börse verlor mehr als zehn Prozent, die der Commerzbank rund sieben Prozent.

US-NOTENBANK ALARMIERT

Die Fed flankierte ihre Rettungsaktion für Bear Stearns mit einer weiteren Senkung des Diskontsatzes auf jetzt 3,25 Prozent. Erwartet wird, dass sie auf ihrer regulären Sitzung an diesem Dienstag auch den wichtigsten Leitzinssatz (Federal Funds Rate) um mindestens 0,5 Prozentpunkte zurücknimmt – momentan liegt er noch bei 3,0 Prozent. Niemals seit der Depression der 1930er Jahre hat die Fed derart kräftig in das Geschehen an den Finanzmärkten eingegriffen, nicht bei der Sparkassenkrise vor nunmehr zwei Jahrzehnten und nicht bei der Pleite des Hedgefonds LTCM ein Jahrzehnt später.

NERVÖSE HÄNDLER

Aktienhändler an der Frankfurter Börse gaben sich am Montag äußerlich gelassen. Hinter den Kulissen machten sie ihrem Ärger aber Luft. Sauer sind sie darauf, wie Banken, aber auch Unternehmen häppchenweise neue Schreckensnachrichten veröffentlichen. „Am Mittwoch hieß es bei Bear Stearns noch: Wir haben die Probleme im Griff. Am Samstag war die Bank faktisch pleite“, wunderte sich Börsenmakler Dirk Müller. Die Unsicherheit ist enorm. „Auch für uns ist schwer einzuschätzen, was noch alles kommt“, sagt Müllers Kollege Lars Jessen. Viele Banken wüssten selbst nicht genau, wie viele problematische Papiere sie noch in den Büchern haben. „Auch nach dem Fall Bear Stearns ist längst noch nicht alles in Ordnung“, glaubt Müller. Noch in dieser Woche gibt es möglicherweise weitere Horrorzahlen der US-Investmentbanken Lehman Brothers, Goldman Sachs und Morgan Stanley.

Mit Blick auf das Eingreifen der amerikanischen Notenbank und die 200 Milliarden Dollar schwere Intervention mehrerer Zentralbanken in der vergangenen Woche ist man auf dem Parkett skeptisch. Der Effekt war schnell verpufft. Deswegen appelliert kaum ein Börsianer an die Europäische Zentralbank (EZB), es der Fed gleichzutun und ebenfalls die Zinsen zu senken. „Gleichwohl wird auch der Druck auf die EZB steigen“, vermutet Müller.

FLUCHT AUS DEM DOLLAR

Die überraschende Zinssenkung der US-Notenbank beschleunigte am Montag die Flucht der Anleger aus dem Dollar. Der Euro kletterte zeitweise auf ein Rekordhoch von 1,5904 Dollar. Japaner zahlten mit 95,77 Yen für einen Dollar so wenig wie seit 13 Jahren nicht mehr. „Der Dollar leidet unter der doppelten Belastung durch die konjunkturelle Abschwächung und durch die Finanzkrise“, sagte ein Analyst. Die Abwertung des Dollar schürte zudem Spekulationen um eine gemeinsame Intervention der Notenbanken an den Devisenmärkten.

Im September 2000 hatten die Zentralbanken in Europa, den USA und Japan zum bislang letzten Mal gemeinsam in den Währungsmarkt eingegriffen, um die damalige Talfahrt des Euro zu stoppen. Im Sog des Dollar geriet auch das britische Pfund unter die Räder. Die britische Notenbank versuchte am Montag vorzubeugen und bot dem Geldmarkt fünf Milliarden Pfund an, um Engpässe zu vermeiden.

Der Goldpreis markierte am Montag einen neuen Rekordstand: Die Feinunze kostete in der Nacht 1032 Dollar, ein Barrel US-Leichtöl kostete rund 105 Dollar – rund fünf Prozent weniger als am Freitag.

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