Finanzkrise : Trend zum Zweitbaum

Der Rocksaum hat wohl ausgedient als Konjunktur-Barometer. Es war ohnehin nur eine sehr steile und nicht belegbare These, dass in Krisenzeiten auch der Rocksaum zu Boden fällt, wohingegen er im Boom kaum noch ein Bein verdeckt. Helmut Schümann glaubt an den Weihnachtsbaum-Index.

Helmut Schümann

Wie der Hauptverband der Holz verarbeitenden Industrie soeben mitteilt, wird sich der Weihnachtsbaumabsatz bis zum Ende der Adventszeit in diesem Jahr in Deutschland auf 28,5 Millionen Bäume belaufen. Das sind immerhin 250 000 Bäume mehr, als im Vorjahr zum Fest aufgestellt wurden. Und das beim Preisniveau des Vorjahrs. Am Preis ist der Wirtschaftsabschwung abzulesen. Die Nachfrage nach Bauholz ist zurückgegangen, demzufolge ist auch der Holzpreis gesunken. Als eine Ursache des guten Absatzes hebt der Verband den Trend zum Zweitbaum hervor. Der Zweitbaum steht meistens auf dem Balkon. Ein Baum im Freien, ein Baum in der Stube, das simuliert einen kleinen Wald, und in den kann man, wenn die Zeiten so schlecht sind, wie sie sind, zum Pfeifen gehen.

Ein anderer Grund für einen Zweitbaum ist schlechterdings nicht vorstellbar. Wer unterzieht sich in guten Zeiten schon freiwillig zweimal der Mühsal, die Bäume mit einem rostigen Fuchsschwanz und zwei linken Händen zurechtzuschneiden und aufzustellen. Und das auch noch gerade.

Parallel zur Wirtschaftsflaute muss man zur Analyse des Weihnachtsbaum-Indexes auch das Rauchverbot in Betracht ziehen. Weil es vor den Gaststätten immer mehr Zeltchen und Unterstände gibt, in denen die Raucher sich ihrer wenig festlichen Sucht hingeben, stellen freundliche Wirte auch in diese zugigen Zonen Bäumchen für die Stimmung auf. Wohl auch, damit die Raucher bei Laune bleiben und nach ihrem Rauchopfer wieder in die Kneipe zurückkehren, um in diesen schlechten Zeiten das Vergessen zu suchen.

Ein Umstand spricht jedoch gegen den Weihnachtsbaum als Konjunktur-Barometer. Vermehrt werden deutsche Weihnachtsbäume aus dem Nahen Osten geordert. Die Luxushotels in Dubai oder Abu Dhabi wollen auf ihren Marmorböden Weihnachtsgefühl erzeugen, und dort lebt es sich doch wohl sorgenfrei. Oder nicht? Soll der Baum womöglich auch dort Trost spenden, weil die Krise selbst in den Emiraten angekommen ist? Großer Gott, wir müssen los, zwei, drei Weihnachtsbäume kaufen, bevor es zu spät ist.

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