Finanzkrise : Wie lässt sich eine Rezession verhindern?

Helfen Investitionsprogramme, Steuersenkungen oder billiges Geld gegen die Konjunkturschwäche? In der Theorie - ja. Die Praxis sieht aber ganz anders aus

Carsten Brönstrup,Henrik Mortsiefer

Keiner will etwas davon wissen, niemand mag das schlimme Wort hören, doch alle führen es im Mund. Selbst die Kanzlerin. „Es gibt keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland“, urteilte Angela Merkel (CDU) jüngst. „Das muss man ganz deutlich sagen.“ Doch alles Beschwichtigen half nichts – nachdem die Finanzkrise in den USA in dieser Woche zu heftigen Börsenturbulenzen rund um den Globus geführt hat, wächst die Fraktion der Skeptiker. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sieht zwar „keinen Grund zur Panik“ – hält es aber „für richtig, wenn wir uns für die Schublade Gedanken machen“. Sprich: Der Minister grübelt, wie sich eine Rezession aufhalten ließe. Doch es kommt nicht nur auf die Regierung an – auch Gewerkschaften und die Zentralbank haben Instrumente in der Hand, die die Wirtschaft vor dem Absturz bewahren können.


Wie wahrscheinlich ist eine Rezession bei uns?

Die Angst geht um angesichts der Turbulenzen in den USA, aber noch zeigt sich die deutsche Wirtschaft robust. Sowohl das Ifo-Geschäftsklima als auch die Laune der Verbraucher sind stabil. „Für eine Rezession spricht kaum etwas, sie käme wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. „Eine Rezession wird auch in Deutschland kommen“, hält der US-Ökonom Michael Burda von der Humboldt-Universität dagegen. Dass die Krise vom Finanzsektor auf die Realwirtschaft überspringt, ist denkbar – etwa, wenn eine Bank pleite geht. Schränken die Banken dann die Kreditvergabe an Firmen ein, könnten die Investitionen ins Stocken geraten. Oder aber der wichtige Exportmarkt USA rutscht ab – Konzerne wie Fresenius Medical Care erzielen dort zwei Drittel ihres Umsatzes, Hochtief knapp die Hälfte, Bayer, Infineon oder BMW etwa ein Viertel. Neun Prozent der deutschen Ausfuhren landen in den Vereinigten Staaten. „Die Exportwirtschaft in Europa ist erheblich gefährdet“, warnt Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz.

Hinzu kommt die Reaktion der Anleger. Bei neuen Börsencrashs könnten die 10,5 Millionen deutschen Aktienbesitzer ihren Konsum einschränken – dabei soll die Binnennachfrage nach den Plänen der Volkswirte in diesem Jahr das Wachstum tragen. Deka-Bank-Ökonom Kater sorgt sich bereits, dass das Gerede um die Rezession die Leute verschreckt. „Psychologisch ist das sicherlich nicht förderlich.“

Wie lange wird die Krise dauern?

Bislang waren Rezessionen stets nach wenigen Monaten vorüber. Zwischen 2001 und 2005 steckte die Republik aber in einer langen Stagnationsphase. Sollten sich nun die meisten Probleme auf den Finanzsektor beschränken, wäre der Spuk vermutlich rasch vorüber – zumal die US-Notenbank und die Regierung mit Zinssenkungen und Konjunkturprogrammen gegensteuern.


Kann sich der Rest der Welt vom Absturz in den USA abkoppeln?

China, Indien und andere Staaten Asiens sind in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. Sie können die USA als Konjunkturlokomotive aber nicht ablösen – sie steht für mehr als 30 Prozent des Weltwirtschaftsprodukts, China, Indien und Russland zusammen kommen gerade einmal auf zehn Prozent.

Warum steuert die Europäische Zentralbank nicht mit einer Zinssenkung gegen?

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat diese Woche erklärt, warum er dem Kurs der US-Notenbank nicht folgen und die Zinsen kurzfristig senken wird. „Es ist die Pflicht der Zentralbank, Inflationserwartungen zu verankern, um weitere Unbeständigkeit in bereits sehr unbeständigen Märkten zu vermeiden.“ Zum Ausdruck brachte er damit, worin sich die Geldpolitik im Euroraum von der in den USA fundamental unterscheidet: Oberstes Ziel der EZB ist die Geldwertstabilität, nicht die Stimulierung der Konjunktur. Da sich die Inflation in den Euroländern zuletzt deutlich oberhalb der von der EZB tolerierten Marke von zwei Prozent bewegte, sind die Währungshüter vorsichtig. Steigende Energie- und Lebensmittelpreise sowie die 2008 tendenziell höheren Löhne erhöhen den Inflationsdruck. Die Notenbank steckt im Dilemma: Einerseits muss sie die Vertrauenskrise auf den Finanzmärkten durch billigeres Geld lindern, andererseits für stabiles Geld sorgen. Ohnehin würde eine Zinssenkung – wie in den USA – erst mit einer Verzögerung von einem halben bis dreiviertel Jahr wirken. Erst dann haben die Geschäftsbanken erfahrungsgemäß die niedrigeren Zinsen an Verbraucher und Unternehmen weitergegeben.

Könnte ein staatliches Konjunkturprogramm die Wirtschaft wieder ankurbeln?

Der Staat hat im vergangenen Jahr erstmals seit 1969 mehr Geld eingenommen als ausgegeben. Doch er steht noch immer mit 1500 Milliarden Euro in der Kreide. Dennoch gewinnen die Gewerkschaften einem staatlichen Stimulus viel Gutes ab. „Ein öffentliches Investitionsprogramm ist sowohl konjunkturpolitisch als auch bildungs- und verkehrspolitisch dringend geboten“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki dieser Zeitung. Investitionen in Kleinkindbetreuung, Schulen, Universitäten, Verkehr und ökologische Modernisierung stützten das Wachstum und schüfen Beschäftigung. Deutschland liege bei den Investitionen des Staates um 25 Milliarden Euro unter dem europäischen Schnitt. „Bis spätestens 2010“ solle wenigstens diese Marke erreicht sein, befand Matecki. Michael Schlecht, Chefökonom der Gewerkschaft Verdi, plädiert sogar für ein Programm über 40 Milliarden Euro. „Damit ließen sich die Risiken für eine Rezession in Deutschland ausschalten, die ab Mitte des Jahres drohen.“ Ein solches Programm würde binnen weniger Monate mehr als eine Million neue Stellen schaffen.

Das Grundproblem von Konjunkturprogrammen liegt indes im Timing. Bis neue Ausgaben beschlossen sind, dauert es Monate. Die Wachstumsschwäche ist dann oft schon vorbei, womöglich hat bereits wieder ein Boom eingesetzt. Folge: Der Staat handelt prozyklisch – das schadet mehr, als es nutzt. Ein Konjunkturprogramm des Bundes läuft derzeit übrigens schon – mit nur 25 Milliarden Euro über vier Jahre zeigt es aber kaum Wirkung.

Wären Steuersenkungen hilfreich?

Die USA sind nicht kleinlich: Mit Steuergeschenken von 150 Milliarden Dollar (rund 100 Milliarden Euro) wollen sie die Familien beglücken und Unternehmen Investitionsanreize bieten – und die Rezession abwenden. Dabei liegt die Gesamtverschuldung des Landes bei neun Billionen Dollar. Doch 2001 hat es Präsident George W. Bush schon einmal geschafft, mit einem ähnlichen Programm eine Krise abzumildern.

Tatsächlich könnten Steuerrabatte, besonders für Geringverdiener, auch in Deutschland den Konsum ankurbeln – gerade wegen der kräftig gestiegenen Mehrwertsteuer. Auch Wirtschaftsminister Glos mag die Idee – darf sie aber nicht propagieren, weil die SPD dagegen ist. Erst 2011, wenn die Neuverschuldung bei Null steht, will Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) wieder darüber reden.

Viele Ökonomen raten indes zum jetzigen Zeitpunkt von Steuersenkungen ab. Grund: Nicht einmal 2006, auf dem Höhepunkt des Aufschwungs, habe es die Regierung geschafft, Etatüberschüsse zu erwirtschaften. Erst wenn der Haushalt konsolidiert ist, sei Spielraum für niedrigere Tarife. Zumal nur Steuerschecks, die die Bürger rasch erreichen, schnell den Verbrauch beleben würden – diese Praxis hat es in Deutschland aber noch nie gegeben.

Sollten die Gewerkschaften ihre Lohnforderungen zurückschrauben?

Die Lokführer haben der Bahn elf Prozent mehr Lohn abgetrotzt – prompt kündigte der Konzern steigende Preise und Jobabbau an. So könnte es auch in anderen Branchen laufen, wenn die Gewerkschaften ihre hohen Forderungen durchsetzen. Treiben sie damit die Inflation in die Höhe, wird aber das Wachstum aufgezehrt. Die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre habe zudem den kräftigen Aufschwung erst ermöglicht, argumentieren Ökonomen. Andererseits hoffen sie 2008 auf die Kaufkraft der Konsumenten – das spricht wiederum für ordentliche Lohnsteigerungen.

Würden Reformen, etwa niedrigere Sozialbeiträge, vor Arbeitslosigkeit schützen?

Als Faustregel gilt: Ein Rückgang der Sozialbeiträge um einen Prozentpunkt schafft 100 000 neue Stellen. Der Arbeitsmarkt würde also robuster gegen eine Krise. Auch andere Ideen – weiterer Bürokratieabbau, mehr Wettbewerb, Subventionskürzungen oder der Abbau von Handelsschranken – würden den Standort stärken. Kurzfristig gegen eine Krise wirken würden sie aber kaum – nur die Stimmung in der Wirtschaft stiege.

Was wäre, wenn die Kurse wieder stiegen?

Börsen sind Stimmungsmacher. Würden sich die Aktienkurse bald erholen, würde das auch die Laune der Aktionäre, Unternehmen und Banken heben. Die Sorge vor einer Rezession würde gemildert. Da an der Börse die Zukunft gehandelt wird – also auf künftige Gewinne, Wachstumsraten und Geschäfte gewettet wird – gäben steigende Kurse das Signal, dass es nicht so schlimm wie gedacht kommt. Zudem gäbe es realwirtschaftliche Folgen. Das Kapital, das in den vergangenen Wochen aus dem Markt abgezogen wurde, um in sicheren Anlageformen wie Staatspapieren, Gold oder Rohstoffen angelegt zu werden, stünde wieder der Börse und damit den Firmen zur Verfügung. Die Firmen könnten sich am Kapitalmarkt besser finanzieren, was ihre Unabhängigkeit von Bankkrediten vergrößert. Bei steigenden Kursen würden auch die Aktiendepots der Unternehmen wertvoller, ihre Kapitalausstattung würde besser. Lebensversicherungen etwa täten sich leichter beim Erwirtschaften von Überschüssen, die den Versicherten zugutekommen.

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