IWF : Zurück im Geschäft

Der IWF zeigt sich auf seiner Jahrestagung in neuer Stärke. Verlierer der Krise sind die armen Länder.

Rolf Obertreis
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Mund zu und raus. Ein Student warf in der Istanbuler Uni einen Schuh auf den IWF-Chef. Dann wurde er abgeführt. -Foto: AFP

Istanbul - Der weiße Turnschuh verfehlte Dominique Strauss-Kahn um einige Meter. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) ließ sich am Donnerstag bei einer Diskussion mit Studenten in der Istanbuler Bilgi-Universität ohnehin nicht beirren. Nachdem Sicherheitskräfte den Schuhwerfer („IWF raus aus der Türkei!“) aus dem Saal geführt hatten, beantwortete der 60-jährige Franzose die Fragen weiter, so als sei überhaupt nichts geschehen.

Die Ruhe des IWF- Chefs hatte seinen Grund. Auf der Jahrestagung am Bosporus fühlte sich der lange kritisierte Fonds wieder gestärkt. Denn ohne den IWF und seine Hilfsprogramme kann die größte Wirtschafts- und Finanzkrise der Nachkriegszeit kaum bewältigt werden. „Der IWF ist zurück im Geschäft“, sagte Strauss- Kahn.

Er und Weltbank-Chef Robert Zoellick warnen davor, die weltweiten Konjunkturprogramme und die Stützungsmaßnahmen der Notenbanken verfrüht zurückzufahren. „Das Feuer brennt noch“, sagt Strauss-Kahn. Forderungen nach anhaltender Unterstützung kommen vor allem aus den armen Ländern. Die Folgen der Krise dort sind dramatisch, wie Jens Martens vom Netzwerk Global Policy Forum Europe vorrechnet. In vielen Ländern sind die Exporte massiv eingebrochen, Tausende von Firmen in Asien und Lateinamerika mussten schließen. Der Verfall der Rohstoffpreise trifft viele Länder massiv.

Der Fluss von privatem Kapital in die Entwicklungsländer ist versiegt. Schlimmer noch: 2009 werden, so der IWF, netto 190 Milliarden Dollar Kapital abgezogen. „Die privaten Banken bestehen auf die Rückzahlung ihrer Kredite, sind aber nicht bereit neue Kredite zu vergeben“, sagt Martens. Die internationale Bankenvereinigung IIF, der Deutsche- Bank-Chef Josef Ackermann vorsteht, räumt ein, dass die Institute in diesem Jahr 60 Milliarden Dollar netto aus den Schwellenländern abziehen werden. In den Jahren 2007 und 2008 wurden noch 480 Milliarden Dollar in diese Staaten gepumpt.

Nach Schätzungen der Weltbank wird die Zahl der Armen, die mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, wegen der Krise Ende 2010 um fast 90 Millionen auf dann etwa 1,5 Milliarden gestiegen sein. Die Klagen der Entwicklungsländer sind auch deshalb laut, weil die Regierungen der Industriestaaten in kurzer Zeit Rettungspakete im Volumen von 2,7 Billionen Dollar geschnürt haben, ihre 2005 gemachten Zusagen für die Verdoppelung der jährlichen Entwicklungshilfe auf 100 Milliarden Dollar bis 2010 aber nicht einhalten.

Eine Woche nach dem Weltfinanzgipfel in Pittsburgh werden die armen Länder auch beim IWF auf mehr Mitsprache pochen. Fest steht bereits, dass bis 2011 fünf Prozent der Stimmrechte im IWF an Schwellen- und Entwicklungsländer abgetreten werden. Wer verzichtet ist allerdings unklar. Dabei geht es auch um die Europäer, die zudem derzeit zehn der 24 Posten im Leitungsgremium des IWF besetzt. Die USA plädieren für einen Abbau auf 20 Direktoren. Die Europäer wiederum beklagen, dass die USA mit ihrem Stimmrechtsanteil von 17 Prozent alle Entscheidungen im IWF blockieren können. Dass in Istanbul eine Lösung gefunden wird, ist unwahrscheinlich.

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