Leitzins : Schritt für Schritt nach unten

Die EZB senkt den Leitzins auf 1,5 Prozent und peilt schon den nächsten Schritt an. Experten raten von langfristigen Anlagen ab.

Rolf Obertreis
Trichet
Himmel, hilf! EZB-Präsident Jean-Claude Trichet -Foto: dpa

Frankfurt am Main - Im Kampf gegen die Wirtschaftskrise hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf den niedrigsten Stand in ihrer zehnjährigen Geschichte gesenkt. EZB-Präsident Jean- Claude Trichet machte am Donnerstag zugleich deutlich, dass weitere Senkungen möglich sind. Die Notenbank verringerte den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent. Eine Nullzinspolitik wie in den USA oder Japan wollen die europäischen Notenbanker aber nicht.

„Wir haben uns nicht darauf festgelegt, dass dies der niedrigste Punkt ist“, sagte Trichet in Frankfurt. Wenn Fakten und Zahlen dafür sprächen, werde man weiter nach unten gehen. Spielraum für weitere Lockerung wäre durchaus vorhanden: Denn Trichet erwartet, dass die Inflationsrate 2009 und auch 2010 deutlich unter Marke von 2,0 Prozent bleibt. Bei dieser Grenze sehen die Notenbanker die Preisstabilität im Euroraum gewahrt.

Seit Anfang Oktober hat die EZB den Leitzins bereits in mehreren Schritten von 4,25 auf 1,5 Prozent gesenkt. Damit können sich Banken und Sparkassen in der Eurozone so günstig wie nie zuvor bei der Notenbank mit Geld versorgen. Ob und wie schnell die Kreditinstitute diese erneute Verbilligung vor allem im Kreditgeschäft an Firmen und Verbraucher weitergeben, muss sich in den nächsten Tagen zeigen.

Verbraucherschützer kritisieren bislang, dass die Banken die sinkenden Zinsen zu ungleichmäßig an die Kunden weitergeben. Während die Sparzinsen rasch sinken, verharren etwa die Zinsen für Überziehungskredite beim Girokonto (Dispokredit) seit Monaten auf hohem Niveau. Seit Beginn der Leitzinssenkungen im Oktober haben Banken und Sparkassen den Disposatz im Schnitt gerade mal von 12,50 auf 12,15 Prozent gesenkt. Auch bei Ratenkrediten haben die Banken nicht mit der Leitzinsentwicklung Schritt gehalten. „Die Banken schauen sehr genau auf ihre Marge“, sagt Sigrid Herbst von der Finanzberatung FMH. Beim Baugeld haben die Institute dagegen reagiert. Bei einer Laufzeit von zehn Jahren kostet eine Hypothek nach Angaben von Herbst derzeit im Schnitt 4,26 Prozent und damit deutlich weniger als im Herbst.

EZB-Präsident Trichet betonte am Donnerstag, dass die Institute die Zinsverbilligung mehr und mehr weitergeben würden und dass damit die Übertragungswirkung der Geldpolitik trotz der Finanzkrise nicht signifikant gestört sei. Im Januar habe sich die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen im Vergleich zum Vormonat verbessert. Im Vergleich zu Anfang 2008 ergebe sich aber ein Rückgang.

Die Wirtschaft sei weiter in einer extrem schwierigen Lage, sagte der EZB-Präsident. Ihre Prognosen für die Wirtschaft im Euroraum, die der Stab der Bank alle drei Monate vorlegt, wurden erneut deutlich nach unten korrigiert. Für 2009 erwartet die EZB im Euroraum jetzt im Schnitt einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 2,7 Prozent, im schlimmsten Fall sogar um 3,2 Prozent, 2010 rechnen sie im Schnitt mit Stagnation. Erst dann werden nach den Worten von Trichet die massiven Konjunkturprogramme sichtbar.

Für Sparer sind die immer weiter sinkenden Leitzinsen ein Problem: Schon in den vergangenen Wochen haben die Banken und Sparkassen die Zinsen für Tages- und Festgeld deutlich gesenkt. Experten erwarten, dass es weiter nach unten geht. „Der Tagesgeld-Zins wird bald unter zwei Prozent liegen“, sagt Herbst von FMH.

Dennoch bleiben den Sparern kaum Alternativen. „Ich würde eher zu kurzfristigen Anlageformen wie Festgeld oder Tagesgeld raten“, sagt Peter Lischke von der Verbraucherzentrale Berlin. Sparbriefe mit mehrjährigen Laufzeiten sollten Anleger dagegen lieber nicht abschließen, meint Lischke. Sonst bestehe die Gefahr, noch nach Jahren auf den niedrig verzinsten Anlagen zu sitzen, während es vielleicht schon längst bessere Konditionen gibt. mit dpa

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