Vor Börsenbeginn : Chinas Wachstum nur noch 7,4 Prozent - Ukraine gefährdet Märkte

Dem chinesischen Wirtschaftswunder geht die Puste aus. Der Ukraine-Konflikt ängstigt Wirtschaft sowie Börsen, deren langfristiger Aufwärtstrend zunehmend gefährdet sein könnte. Der Dax liegt nach den Verlusten vom Vortag am Mittwochmorgen vorbörslich etwas im Plus.

Andreas Oswald
Börse in Frankfurt.
Börse in Frankfurt.Foto: dpa

Chinas Wirtschaft ist im ersten Quartal dieses Jahres nur noch um 7,4 Prozent gewachsen. Dies ist das langsamste Wachstum seit 18 Monaten und liegt unter dem selbst gesteckten Ziel von 7,5 Prozent für dieses Jahr. Als zweiter Faktor gefährdet der Konflikt um die Ukraine Wirtschaft und Börsen.

Noch andere Faktoren gefährden möglicherweise den langfristigen Aufwärtstrend der Aktienmärkte

Möglicherweise sind es aber auch andere grundlegende Faktoren, die den langfristigen Aufwärtstrend der Aktienmärkte seit 2009 gefährden. Auffallend ist, dass am Dienstag der TecDax und der MDax weiter deutlich unter die Begrenzung des mittelfristigen Seitwärtstrends gefallen sind, in dem sich die Börsen seit Jahresanfang befinden. Auch die US-Technologiebörse Nasdaq fiel vorübergehend aus dem Seitwärtskanal. Es ist auffallend, dass die Eintrübung der Börsen vor mehr als zwei Wochen mit dem Fall von Technologieaktien begann. Die großen Indizes Dax, Dow Jones und S&P 500 befinden sich dagegen noch deutlich innerhalb ihrer Seitwärtskanäle. Kurzfristig scheint es eine Erholung zu geben, der Dax liegt nach besseren Vorgaben aus New York und Tokio am Mittwochmorgen vorbörslich im Plus.

Chinas geringeres Wachstum gefährdet Weltkonjunktur

Die Erwartungen von Analysten zu Chinas Wachstum war mit 7,3 Prozent allerdings noch schlechter, so dass die Reaktionen eher positiv ausfielen. Das Statistikamt sprach am Mittwoch in Peking davon, dass sich die Wirtschaft „insgesamt stabil“ entwickle. Auch Analysten sahen zumindest im März leichte Verbesserungen. Sollte es allerdings in diesem Jahr bei dem Tempo bleiben, wäre es das langsamste Wachstum der heute zweitgrößten Volkswirtschaft seit 24 Jahren. In den vergangenen zwei Jahren hatte die Wirtschaftsleistung noch um jeweils 7,7 Prozent zugelegt. Ein langsameres Wachstum in China beeinträchtigt auch die globale Konjunktur und die Exporte deutscher Unternehmen ins Reich der Mitte. So fiel der chinesische Außenhandel im ersten Quartal um ein Prozent.
Vor allem geringere Aktivitäten im Export und Immobiliensektor drückten das Wachstum, wie Chefökonom Louis Kuijs von der Royal Bank of Scotland (RBS) sagte. Das Wachstum im Dienstleistungsbereich sei aber besser als in der Industrie. „Die Wachstumsrisiken bleiben, und die Dynamik der Wachstumspolitik dürfte die Märkte in den nächsten Monaten nervös halten“, sagte Kuijs der Nachrichtenagentur dpa.
Die heimische Nachfrage entwickelte sich aber nicht schlecht. Der Einzelhandel legte im ersten Quartal um zwölf Prozent zu. Nach Abzug der Inflation waren es immer noch 10,8 Prozent, wie das Statistikamt berichtete. Der überhitzte Immobilienmarkt kühlte sich etwas ab. Die Wohnungs- und Hausverkäufe nahmen im ersten Quartal um 5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ab. Investitionen in Immobilien stiegen nur noch um 16,8 Prozent und damit 2,5 Punkte weniger.

Nachhaltigere Entwicklung in China geplant

Nach vielen Jahren zweistelligen Wachstums strebt die chinesische Regierung eine nachhaltigere Entwicklung und Umstrukturierung der Wirtschaft an. Dafür sollen auch niedrigere Wachstumsraten als bisher in Kauf genommen werden, solange genug Arbeitsplätze geschaffen werden können. Eine große Gefahr sind aber faule Kredite und mögliche Pleiten in dem ausufernden Schattenbankenwesen.
Regierungschef Li Keqiang hatte vor einer Woche vorübergehende Konjunkturprogramme als Reaktion auf kurzfristige Fluktuationen ausgeschlossen. Allerdings war erst Anfang April ein Mini-Stimulus mit Steuerermäßigungen und Investitionen in Eisenbahn und sozialen Wohnungsbau auf den Weg gebracht worden.

Dow Jones auf Achterbahnfahrt wegen Ukraine

Die Krise in der Ukraine hält offenbar auch die US-Börsen im Griff. Das zeigt der turbulente Verlauf und festere Schluss des Dow Jones Industrial am Dienstag. Der Leitindex war nach einem freundlichen Auftakt ins Minus gerutscht und erholte sich im späten Handel. Am Ende gewann der Dow 0,55 Prozent auf 16 262,56 Punkte. Der S&P 500 stieg um 0,68 Prozent auf 1842,98 Punkte. Der Technologieindex Nasdaq 100 kletterte um 0,38 Prozent auf 3487,85 Punkte nach oben, nachdem er zuvor gefährlich aus seinem Seitwärtskanal nach unten ausgebrochen war.
Händlern zufolge sorgten negative Konjunkturdaten sowie Berichte über Kämpfe zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Sondereinsatztruppen in der Ostukraine für Belastung. Zur Eröffnung hatte sich der Leitindex wegen Hoffnungen auf eine gute Berichtssaison der US-Unternehmen um rund ein halbes Prozent nach oben bewegt. Auslöser dafür waren positiv interpretierte Geschäftszahlen von Coca-Cola und Johnson & Johnson gewesen.


Anleger wägten derzeit unternehmenstechnische, konjunkturelle und geopolitische Nachrichten permanent gegeneinander ab. Die daraus resultierende große Unsicherheit im Markt sorge für eine hohe Volatilität und einen sich minütlich ändernden Wind am Markt, kommentierte ein Fondsmanager. Jens Klatt, Chefanalyst von DailyFX, sagte: „Kurzfristige Erholungen werden von den Investoren genutzt, um Aktien abzustoßen. Die weiterhin undurchsichtige Lage in der Ukraine wird als Anlass genommen, die Gewinne der vergangenen Monate und auch Jahre zu sichern.“ Die am Dienstag veröffentlichten US-Wirtschaftsdaten enttäuschten insgesamt. So hatte sich die Stimmung der Industrie im US-Bundesstaat New York im April überraschend eingetrübt. Der Empire-State-Index war von 5,61 Punkten im Vormonat auf 1,29 Zähler und damit auf den tiefsten Stand seit vergangenen November gefallen. Ökonomen hatten hingegen mit einem Anstieg auf 8,00 Zähler gerechnet. Zudem hatte sich der US-Häusermarkt im April nicht von dem starken Einbruch im Winter erholt. Der NAHB-Hausmarktindex war weniger als erwartet gestiegen.
Aus Unternehmenssicht konnten Coca-Cola und Johnson & Johnson mit ihren Quartalszahlen überzeugen. Trotz eines Umsatz- und Gewinnrückgangs erfüllte der Brausekonzern die Erwartungen der Analysten. Die Aktien legten letztlich um 3,74 Prozent zu und waren damit Spitzenreiter im Dow. (mit dpa)

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