Finanzkrise : Kritische Geldgeber

Für Firmengründer ist es schwieriger geworden, an Startkapital zu kommen. Investoren suchen solide Ideen für die Zeit nach der Krise.

Corinna Visser
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BerlinDer Dotcom-Friedhof füllt sich wieder. Auf der Internetseite www.deutsche-startups.de, die über junge Unternehmen im Netz berichtet, gibt es eine Rubrik, die "offline" heißt. Dort sind die Namen der Existenzgründer zu finden, die wenige Monate nach dem Start bereits wieder aufgeben mussten: meinhundefutter.de, ein Online-Versender von Dosenfleisch, schutzgeld.de, ein Einkaufsportal, oder happypapa.de, eine Informationsseite für Väter. Sie alle eint ein Schicksal: Die Kunden blieben weg, das erhoffte Geld floss nicht, neues gab es nicht - schon gar nicht in Zeiten der Finanzkrise. Auf eigene Füße zu kommen, ist schwieriger geworden, seit die Auswahl strenger geworden ist.

Risikokapitalgeber (Venture-Capital- Firmen) gehören zu den wichtigsten Geldgebern für junge Firmen. "Der Wettbewerb unter den Venture-Capital-Gesellschaften ist zurückgegangen", sagt der Berliner Unternehmer Peter Stiller, der die Internetseite grusskartenfreunde.de mit betreibt. Die Folge: "Die Bewertungen sind deutlich moderater geworden", sagt Sarik Weber, Vorstand der Software- Firma Cellity in Hamburg. Seit dem Sommer seien die Preise für Beteiligungen um 20 bis 30 Prozent gesunken. "Für Investoren gibt es derzeit echte Schnäppchen."

Dass Banken derzeit kaum Geld verleihen, ist den Start-ups zwar egal. "Unternehmensgründer haben von den Banken auch früher schon kein Geld bekommen", heißt es überall. "Und für eine gute Idee gibt es auch heute noch Geld", sagt Thom Rasche, Partner bei der Risikokapitalfirma Earlybird in Hamburg. In den vergangenen 18 Monaten haben Firmen wie diese in Deutschland 13 neue Fonds aufgelegt und 1,4 Milliarden Euro eingesammelt. Das hat die Beratungsfirma FHP Private Equity Consultants ermittelt. Sie befragte dazu 35 Finanziers. "Dieses Geld muss nun angelegt werden", sagt FHP-Geschäftsführer Götz Hoyer. "Die Fonds sind im Moment so voll wie seit vielen Jahren nicht."

Investoren werden selektiver

Aber auch Hoyer hat beobachtet, dass die Investoren selektiver geworden und die Einstiegsbewertungen von jungen Unternehmen drastisch gefallen sind. Das liege auch daran, dass die Aktienkurse vergleichbarer Unternehmen an den Börsen ebenfalls gesunken sind. Denn daran orientierten sich auch die Bewertungen junger, nicht börsennotierter Firmen.

Schwierig sei die Finanzierung vor allem für Unternehmen in der frühen Gründungsphase geworden, sagt Hoyer. Das liege an den Business Angels, also vermögenden Geschäftsleute, die junge Firmen beraten und finanzieren. "Dort sitzt das Geld durch Anlageverluste in anderen Bereichen nicht mehr so locker", sagt Hoyer. In fast der Hälfte aller Fälle müsse daher der Staat einspringen, etwa in Form von Gründerfonds.

Doch nicht alle Gründer haben die gleichen Schwierigkeiten, Kapital zu bekommen. "Es gibt Start-ups, die das Potenzial haben, sich gegen den Trend zu stemmen", sagt Hoyer. "Unternehmen aus den Bereichen erneuerbare Energien und Umwelttechnik zu Beispiel. Die können sich auch in der jetzigen Phase gut verkaufen." Bei Firmen, die auf das Internet setzen, sei es schwieriger. "Es wird sehr genau hingeschaut, wie solide die Geschäftsmodelle sind", sagt Hoyer. Sind Umsätze in greifbarer Nähe? Wie breit ist die Kundenbasis? Welche Wachstumsraten sind zu erwarten? Wie gut ist das Management?

Cellity, im Oktober 2006 gegründet, hat gerade frisches Kapital bekommen - vor allem bei bereits bekannten Geldgebern. "Geld bei bekannten Investoren einzusammeln, ist im Moment der beste Weg", sagt Vorstandsmann Weber. Hier vertraue man einander. Bei fremden Fonds anzufragen, sei indes Zeitverschwendung - die finanzierten lieber etablierte Firmen. Cellity selbst ist laut Weber noch nicht profitabel, hat aber gerade ein neues Produkt herausgebracht: Adressbuch 2.0. Das ist eine Software, mit der man seine Adressen aus mehreren Quellen verwalten kann, Handy wie Netz. Weber findet, das Produkt kommt genau richtig. "Kontakte werden wichtiger, wenn die Zeiten härter werden."

2009 könnte für start-ups noch deutlich ernster werden

Earlybird gehört zu den Wagniskapitalgesellschaften, die noch Geld zur Verfügung haben. Im Juli hat Earlybird gerade einen neuen Fonds abgeschlossen und 127 Millionen Euro eingesammelt. Die Zahl der Bewerbungen ist seither deutlich gestiegen - die Zahl der Ablehnungen auch. Earlybird investiert in junge Firmen aus den Bereichen Internet, Telekommunikation, Umwelt- und Medizintechnik. Die Gesellschaft schaut unter anderem darauf, ob ein Gründer Patente besitzt und ob sein Markt groß genug ist. "Werbefinanzierte Geschäftsmodelle im Internet sind dagegen kritisch", sagt Partner Rasche. "Es ist nicht absehbar, ob die Werbeeinnahmen weiter fließen."

So sieht das auch Peter Stiller, Gesellschafter bei der Ecards and more GmbH, die die Seite grusskartenfreunde.de betreibt. Die Berliner haben selbst gerade eine Finanzierung bekommen und auch beobachtet, dass Investoren werbefinanzierte Modelle besonders kritisch sehen. Online-Handel läuft dagegen besser. "Für Unternehmen, die Produkte im Netz verkaufen, ist die Stimmung wesentlich besser - vor allem, wenn es keine teuren Luxusprodukte sind."

Für andere Gründer sieht Rasche von Earlybird jedoch schwarz: "Für Biotechnologie gibt es im Moment so gut wie gar kein Geld", sagt er. "Es ist teuer und dauert viel zu lange, bis klar wird, ob eine Idee überhaupt funktioniert. Das Risiko will im Moment keiner eingehen."

Das Krisenjahr 2009 könnte für Start-ups noch einmal deutlich ernster werden. "Ich halte es für sehr schwierig, dass im kommenden Jahr hierzulande ein neuer Fonds aufgelegt wird", sagt Rasche. "Die Investoren befinden sich in einer Schocksituation - im Moment bewegt sich keiner mehr." Auch Weber von Cellity ist zurückhaltend. "2009 wird hart. Wer es nicht schafft, profitabel zu werden, wird das Jahr womöglich nicht überstehen."

Andererseits könnte es womöglich auch weniger Gründer geben: "Ich gehe davon aus, dass die Gründungstätigkeit zurückgeht", sagt Hoyer von FHP. "In diesen unsicheren Zeiten werden wohl weniger Menschen ihren Arbeitsplatz aufgeben, um das Wagnis eine Unternehmensgründung einzugehen." Das sehen in der Gründerszene längst nicht alle so. "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt zu gründen", meint Manager Stiller von grusskartenfreunde.de. "Wer es heute schafft, kann sich sicher sein, dass die Qualität stimmt und dass das Potenzial groß ist, wenn die Krise überwunden ist."

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