Finanzmarktkrise : Die Nacht am Rhein

Die WestLB muss mit zwei Milliarden Euro gestützt werden - für politische Manöver bleibt kein Spielraum.

Jürgen Zurheide
WestLB
Braucht Hilfe: WestLB erhält Finanzspritze. -Foto:ddp

Düsseldorf Die internationale Finanzmarktkrise reißt bei der WestLB, der drittgrößten deutschen Landesbank, ein tiefes Loch in die Bilanz. Die Eigentümer müssen die Bank mit einer Kapitalspritze von zwei Milliarden Euro stützen. Damit sollen der zu erwartende Jahresverlust 2007 und umfangreiche Abschreibungen bei Wertpapieren in Höhe von jeweils etwa einer Milliarde Euro ausgeglichen werden, wie die Bank am Montag mitteilte.WestLB-Chef Alexander Stuhlmann schloss in einem Brief an die Mitarbeiter weiteren Abschreibungsbedarf in der Zukunft nicht aus. Er dementierte aber Berichte über einen Plan zum Abbau von 2000 der weltweit 5900 Stellen.

Am vergangenen Donnerstag hatten die WestLB-Eigentümer – das Land Nordrhein-Westfalen, die Landschafts- und die Sparkassenverbände – zum ersten Mal in diesem Jahr bis tief in die Nacht getagt. Konfrontiert wurden sie mit katastrophalen Zahlen. Seit Wochen war gemunkelt worden, dass die Verluste der Landesbank aus US-Immobilienanleihen wesentlich höher als angenommen ausfallen würden. Nun lagen Zahlen auf dem Tisch, die wenig Gutes versprachen. Die Wirtschaftsprüfer waren mit ihrer Arbeit zwar noch nicht fertig, aber unter dem Strich, so wurde dem neuen Aufsichtsratschef Michael Breuer und den anderen Teilnehmern der Runde klar, würde die Bank rund zwei Milliarden Euro frisches Kapital brauchen, um überleben zu können.

Da Breuer nicht nur Präsident der rheinischen Sparkassen geworden ist, sondern auch den bisherigen Aufsichtsratschef der WestLB, Rolf Gerlach, aus dem Amt gedrängt hat, sah er sich plötzlich in einer unangenehmen Doppelrolle in der Verantwortung. Eigentlich hatte ihn sein ehemaliger Chef, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, mit einem gezielten Auftrag und warmen Worten ("mein bestes Pferd im Stall") aus dem Kabinett ziehen lassen. Er sollte an der Spitze des WestLB-Aufsichtsrats die neue politische Macht im Lande absichern.

Rüttgers hat sich bei diesem Vorhaben an seinem Vorbild Johannes Rau orientiert, der mit Ex-WestLB-Chef Friedel Neuber ("Die Macht am Rhein") fast zwei Jahrzehnte über Bande gespielt hat. Nur eines hatte Rüttgers nicht einkalkuliert: dass die Bank quasi Pleite ist.

Neben den bekannten Risiken von rund einer Milliarde könnten nach aktuellen Schätzungen mindestens 800 weitere Millionen verloren gehen – was zusammengenommen in etwa den frischen Eigenkapitalbedarf der Bank beschreibt. Wie dringlich die Lage der Bank ist, wurde deutlich, als sich der oberste Bankenaufseher der Republik, Bafin-Chef Jochen Sanio, einschaltete, und Bundesbankpräsident Axel Weber am Krisentreffen in der Nacht zu Montag teilnahm. Für taktische Manöver der Eigentümer blieb kein Spielraum – es ging um eine drohende Schieflage des Bankenplatzes Deutschland.

Erst am frühen Morgen sickerten Einzelheiten durch, über die in den Räumen der Kreissparkasse Köln gesprochen worden war. Zu diesem Zeitpunkt fuhren viele der 5900 West LB Mitarbeiter zur Arbeit, die Schlagzeilen des Tages hatten sie aufgeschreckt. „2000 Arbeitsplätze sind bedroht.“ Die meisten huschten am Montag mit sorgenvoller Miene in die Bank, nur der eine oder andere ließ sich zu einem Kommentar bewegen. "Erst kommt die große Gier, dann die große Angst", hieß es. "Es ist bitter, erst Nokia und jetzt wir."

WestLB-Chef Stuhlmann erklärte im Verlauf des Tages, er freue sich darüber, dass die Eigentümer "voll hinter der Bank stehen". Im Finanzministerium wird unterdessen gerechnet, wie man die Kapitalerhöhung stemmen kann. Ein Verkauf der landeseigenen Wohnungsbauförderungsanstalt steht im Raum. Das könnte indes Schlagzeilen provozieren, die Jürgen Rüttgers fürchtet: "Sozialmieter müssen für die Spekulanten bei der West LB bluten." Die Opposition heizt den Konflikt inzwischen politisch an. Schon wabert das Wort „Untersuchungsausschuss“ durch die Landeshauptstadt.

Das Rettungspaket wurde offenbar in aller Eile geschnürt. Denn bisher steht weder die konkrete Ausgestaltung noch die zeitliche Umsetzung der Kapitalmaßnahmen fest. Noch gravierender: Auch grünes Licht aus Brüssel für die Rettungsaktion steht bisher aus.

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