Finanzpolitik im mächtigsten Land der Welt : Diese Frau könnte neue Chefin der US-Notenbank werden

Ohne Doping geht es nicht: Janet Yellen, Favoritin für den Job an der Spitze der US-Notenbank, ist Protagonistin einer expansiven Geldpolitik.

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Unumstritten kompetent: Janet Yellen.
Unumstritten kompetent: Janet Yellen.Foto: picture alliance / dpa

Am 11. Dezember 2007 saß Janet Yellen um acht Uhr morgens mit ihren Kollegen der US-Notenbank im Hauptsitz der Federal Reserve in Washington mit Blick über die ausgedehnte Mall zusammen, um über die Aussichten der US-Konjunktur zu beraten. Die Möglichkeit einer Kreditkrise bestehe, es drohe eine Rezession, behauptete die energische Wirtschaftswissenschaftlerin; das Schattenbankensystem werde zum Problem. Sie war mit ihrer Einschätzung damals wohl ziemlich allein. Doch noch im selben Monat, das weiß die Welt inzwischen, rutschte die US-Wirtschaft in die Rezession und im September des folgenden Jahres begann mit dem Zusammenbruch der Lehman-Bank eine weltweite Finanzkrise.

Janet Yellen ist kein Orakel. Ihre Einschätzungen vor der großen Finanzkrise sind nicht völlig konsistent und keineswegs prophetisch. Aber als das „Wall Street Journal“ im Juli dieses Jahres die Vorhersagen der Fed-Banker in Reden und Kongress-Anhörungen zwischen 2009 und 2012 untersucht hat und dazu 700 Aussagen überprüfte, war es wieder Yellen, die durch Vorhersagekraft glänzte: Mit einer Quote von 0,52 lag sie deutlich an der Spitze der korrekten Einschätzungen. Die zweitbeste Quote rangierte bei 0,45, wobei der Wert 1 absolute Aussagerichtigkeit jeder Prognose bedeutet. Yellens Chef, Notenbank-Präsident Ben Bernanke, kam auf einen Wert von 0,29.

An ihrem ökonomischen Sachverstand und ihrem analytischen Einschätzungsvermögen kann es also nicht liegen, sollte US-Präsident Barack Obama die profilierte Notenbankerin nicht zur nächsten Chefin der US-Notenbank machen – zur vielleicht mächtigsten Frau auf dem Planeten. In ihren Händen läge die Aufsicht über die Währung der Vereinigten Staaten, und damit auch ein wenig das Geschick der Weltwirtschaft.

Ben Bernankes Amtszeit läuft im Januar aus, und Obama hat sich bereits vor Monaten auf die Suche nach einem Nachfolger gemacht. Seit Wochen beschäftigt die Frage, wen der Präsident nominieren könnte, die politischen Flure in Amerikas Hauptstadt, wenngleich die Haushaltsblockade aktuell alle anderen Themen überdeckt. Obamas Lieblingskandidat, der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers, hat nach offen artikuliertem Widerstand aus den Reihen demokratischer Kongressabgeordneter seine Kandidatur in einem Brief an den Präsidenten und in einem persönlichen Telefonat zurückgezogen. Aber es gibt weitere Anwärter: der frühere Fed-Vize Donald Krohn etwa. Und trotz gegenteiliger Äußerungen wird auch der frühere Finanzminister Timothy Geithner immer wieder genannt. Ebenso Stanley Fischer, erfahrener Ökonom mit Stationen bei der Weltbank und beim Internationalen Währungsfonds. Und schließlich, als einziger schwarzer Kandidat, Roger Ferguson, ebenfalls ein früherer Vize bei der Fed. Für Yellen jedoch sprechen sowohl ihre Erfahrung als auch ein beeindruckender Unterstützerkreis. Sie ist die heißeste Kandidatin für den Posten – erstmals würde mit ihr eine Frau auf die US-Währung aufpassen und die Weltwirtschaft mit beeinflussen.

Janet Louise Yellen, geboren 1946, aufgewachsen in Brooklyn, ausgezeichnet mit Wirtschaftsabschlüssen in Yale und Berkeley, beladen mit ihrer Erfahrung als Leiterin des wirtschaftlichen Beraterstabs des US-Präsidenten in der Clinton- Ära und seit inzwischen drei Jahren Vize- Chefin der Fed, wird nur eines nicht nachgesagt: Nähe zum amtierenden Präsidenten. Diesem Umstand wohl verdankte die Demokratin ihre öffentliche Wahrnehmung als Nummer zwei unter den Kandidaten. Ansonsten bringt die als „intellektuelle Führerin“, als „nachdenkliche Analystin“ beschriebene Frau wohl alle Qualifikationen für den Posten mit. Sogar die für eine Nominierung nötige Unterstützung im Kongress scheint – sollten die Republikaner den Fed-Job nicht zu einem Stolperstein für Obama machen wollen – gesichert.

Larry Summers war nicht nur wegen allzu forscher Äußerungen in die Kritik geraten. Auch galt er seinen Kritikern als zu eng mit der Wall Street verbandelt. Ihre Ferne zur Finanzwelt dagegen gerät Janet Yellen in den Augen mancher Experten zum Nachteil. Kritisch beäugt wird auch ihre Rolle bei der aktuellen Politik der Fed. Vor zwei Wochen erst hatte Notenbankchef Bernanke verkündet, es werde entgegen allen Erwartungen noch keine Abkehr vom Kurs des aufgedrehten Geldhahns geben. Die Notenbank habe jeglichen Rückzug von der Kampagne zur Stimulierung des wirtschaftlichen Aufschwungs vertagt und werde damit fortfahren, monatlich US-Staatsanleihen und Immobilienpapiere im Wert von 85 Milliarden Dollar aufzukaufen. Noch seien die Indikatoren für die Stabilisierung der Wirtschaft nicht eindeutig genug, zudem bleibe die Arbeitslosigkeit auf einem hohen Wert.

Yellen gilt als Protagonistin eben jener Linie, die ein Beobachter in Washington so beschreibt: „Sie trauen sich nicht mehr, die Wirtschaft ohne Doping laufen zu lassen.“ Wenn auch Yellen eine ausgesprochene Verfechterin des Marktprinzips ist – in der US-amerikanischen Diskussion um die Einführung von Höchstwerten bei der Umweltverschmutzung gehörte sie zu denen, die stattdessen dem Handel mit Emissionsrechten den Vorzug gaben –, ihr zentrales Augenmerk lag schon immer bei der Frage der Beschäftigungsquote. So ist auch die jüngste Entscheidung der Notenbank als Maßnahme gegen höhere Arbeitslosenzahlen zu verstehen. Das wiederum dürfte ganz auf einer Linie mit dem Präsidenten liegen.

Nancy Pelosi, führende Demokratin im US-Repräsentantenhaus, nannte eine mögliche Nominierung von Janet Yellen „großartig“. Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger und Ökonomie-Guru, der sowohl Summers als auch Yellen höchst qualifiziert findet, schrieb kürzlich: „Aber wenn die Wahl nicht auf Yellen fällt, dann muss der Präsident dafür eine verdammt gute Erklärung anbieten.“ Oder Barack Obama müsste mit einer Menge Ärger aus den eigenen Reihen rechnen. Joseph Stiglitz, ein weiterer Träger des Nobelpreises für Wirtschaft, hat sich ebenfalls für Yellen ausgesprochen: „Sie hat das Urteilsvermögen, die Weisheit und das Gewicht, das man von einer Fed-Präsidentin oder einem Präsidenten erwarten würde.“

Immerhin 400 Ökonomen haben einen Brief an Barack Obama unterzeichnet, in dem sie ihn auffordern, Yellen zur Notenbank-Chefin zu machen. Initiiert wurde der Brief von „Women‘s Policy Research“, einer an Frauenpolitik ausgerichteten Denkfabrik. Das Geschlecht spielt in dieser Frage vielleicht nicht die zentrale, aber eine gewiss nicht zu unterschätzende Rolle. Nicht zuletzt hatte es die Öffentlichkeit Lawrence Summers übel genommen, dass er in der Vergangenheit Frauen die Fähigkeit zu höheren mathematischen Errungenschaften abgesprochen hatte. Präsident Obama kann eine nur sehr durchschnittliche Bilanz bei der Berufung von Frauen in hohe Führungspositionen aufweisen. Er bräuchte also eine verdammt gute Begründung, wenn er am Yellen vorbeigeht.

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