Wirtschaft : Finanzpolitik: In der Türkei wächst die Hoffnung auf ein Ende der Wirtschaftskrise

Thomas Seibert

Die Zusage neuer Kredite in Höhe von zehn Milliarden Dollar und der Rücktritt eines korruptionsverdächtigen Ministers haben in der Türkei die Hoffnungen auf ein Ende der Krise gestärkt. Wirtschaftsminister Kemal Dervis gab nach Gesprächen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington die neuen Finanzhilfen bekannt, um die er sich wochenlang bemüht hatte. Mit einem Volumen von zehn Milliarden Dollar übersteigen die Kredite die Erwartungen der Märkte. Außerdem sagte der IWF die Auszahlung von 4,3 Milliarden Dollar aus einem früheren Programm zu. Voraussetzung für die Hilfe ist jedoch eine entschiedene Reformpolitik in Ankara, zu der auch die Bekämpfung der weit verbreiteten Korruption gehört. Die türkische Wirtschaft begrüßte deshalb den Rücktritt von Energieminister Cumhur Ersümer, dem Korruption vorgeworfen wurde.

Die Türkei braucht die neuen Milliardenhilfen aus dem Ausland vor allem, um den Bankensektor zu reformieren. Wirtschaftsminister Dervis machte deutlich, dass Ankara als Gegenleistung für die Auslandsunterstützung jetzt das vor zwei Wochen vorgestellte Reformpaket umsetzen muss. Das Paket sieht einen rigorosen Sparkurs des Staates und die rasche Privatisierung von Staatsbetrieben vor. Die ausländischen Geldgeber hatten mit neuen Krediten für Ankara lange gezögert, weil sie am Willen der Koalition von Ministerpräsident Bülent Ecevit zur Umsetzung dieser Reformen zweifelten.

Die Nachricht von den neuen Krediten ließ die Kurse an der Istanbuler Börse bis zum Freitagnachmittag um zwölf Prozent anziehen. Der Wert der Lira gegenüber dem US-Dollar stieg ebenfalls ein wenig. Dennoch beträgt der Wertverlust der türkischen Währung seit dem Beginn der Wirtschaftskrise im Februar immer noch mehr als 40 Prozent.

Beobachter in der Türkei sind sich einig, dass es nun an der Politik ist, die durch die neuen Kredite genährten Hoffnungen nicht zu enttäuschen. Der Rücktritt von Energieminister Ersümer ist deshalb auch als Signal zu sehen, dass Ankara entschieden gegen die Korruption vorgehen will; schließlich hatte ein Streit zwischen Regierung und Staatspräsident über die Korruptionsbekämpfung im Februar die Krise ausgelöst. Ersümer soll tief in die Manipulation öffentlicher Ausschreibungen im türkischen Energiesektor verwickelt gewesen sein. In Untersuchungen der Staatsanwaltschaft war er im Zusammenhang mit Schmiergeldzahlungen genannt worden. In einem Fall sollen dabei 50 Millionen Dollar geflossen sein. Der türkische Industriellenverband Tüsiad begrüßte den Rücktritt Ersümers ausdrücklich als Beitrag zur politischen Kultur in der Türkei.

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