Wirtschaft : Firestone: Reifenhersteller beendet Verkauf an Ford

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Eine fast hundertjährige Geschäftsbeziehung geht auseinander: Der Reifenhersteller Bridgestone/Firestone Inc wird künftig keine Reifen mehr an die Ford Motor Company liefern. Das Vertrauen sei nicht mehr gegeben, hieß es bei Firestone. Ford verlangt von Firestone den Rückruf weiterer Millionen Reifen und Firestone bezichtigt Ford, Fahrsicherheitsprobleme bei seinem populären Sportnutzfahrzeugmodell Explorer nicht anerkennen zu wollen. Ford weist die Kritik zurück und bietet seinen Kunden an, bis zu 15 Millionen Firestone "Wilderness"-Reifen auszuwechseln. Der Rückruf wäre größer als die Aktion im vergangenen Jahr, als 6,5 Millionen Reifen ausgewechselt wurden. Ford wollte noch im Laufe des Tages eine Analyse der Sicherheitsprobleme bei den "Wilderness"-Reifen bekannt geben. Ferner wollte Ford Vorstandschef Jacques Nasser das Explorer-Problem mit Mitgliedern des amerikanischen Kongresses besprechen.

Die gegenseitigen Beschuldigungen sind für die Unternehmen nicht risikofrei. Beide versuchen, das Vertrauen der Kunden nach dem massiven Rückruf des vergangenen Jahres wieder herzustellen. Die 6,5 Millionen Reifen der Typen ATX und ATX II sollen allein in den Vereinigten Staaten für 174 tödliche Verkehrsunfälle und Hunderte von Verletzten verantwortlich gewesen sein. Weiter Tote gab es vor allem in Venezuela.

Um der schlechten Publicity entgegen zu wirken, haben die beiden Unternehmen - jedes auf eigene Faust - hunderte von Klagen außergerichtlich beigelegt. Jetzt schieben sie sich gegenseitig die Schuld für das Umkippen der Explorer in die Schuhe. Sie entfachen damit die Sicherheitskontroverse erneut und geben Anwälten der Kläger Munition, die diese vor Gericht verwenden können. "Wir können uns nichts Besseres wünschen als dass die beiden Beklagten aufeinander los gehen", sagte Mike Eidson, ein Anwalt in Miami.

Schätzungen zu Folge wird der Ausfalls der Ford-Lieferungen weniger als fünf Prozent des Firestone-Umsatzes ausmachen, der voriges Jahr 7,5 Milliarden Dollar betrug. Die Lücke bei Ford werden sicher Firestones Konkurrenten Goodyear Tire & Rubber Co und die französische Groupe Michelin füllen. Firestone ging am Montag bei einer Pressekonferenz am Firmensitz in Nashville (US-Staat Tennessee) gegen Ford in die Offensive. Vorstandschef John Lampe sagte, Firestone habe eine technische Analyse des Explorer-Modells in Auftrag gegeben. Diese sei zwar noch unvollständig, doch die bereits vorliegenen Daten "festigen unsere Sogen um den Ford Explorer".

Für Ford ist diese Kritik ein harter Schlag. Der Explorer ist eines der meistverkauften Modelle aus dem Ford-Stall, mehr als vier Millionen Stück befahren Amerikas Straßen. Der weltweit zweitgrößte Autohersteller setzt hohe Erwartungen in seinen neuen, viertürigen Explorer II.Firestone-Chef Lampe versuchte offenbar, den Bruch in letzter Minute zu verhindern. Persönlich holte er am Montag eine Ford-Delegation vom FlughafenNashville ab. Bei einer anschließenden Konferenz soll die Stimmung gespannt gewesen sein. Zuerst habe die Ford-Mannschaft Informationen über Firestones Reifenprobleme präsentiert, dann Firestone die Ford-Vertreter über die Explorer-Probleme. Ford habe dann auf weiteren massiven Reifen-Rückrufen bestanden, die Firestone abgelehnt hätte, hieß es in Berichten.

Die Krise zwischen Ford und Firestone schwelt seit Monaten, doch nach außen vermittelten sie den Eindruck, dass sie mit den Beamten der US-Regierung bei der Suche nach den Unfallsursachen zusammenarbeiteten. Mit dem Bruch geht nun eine bemerkenswert enge Firmenallianz zu Ende. Sie begann in den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts, als Firmengründer Henry Ford seinen Freund Harvey Firestone mit der Belieferung von Reifen an seine Fabriken beauftragte. Firestone-Reifen gehörten bei Ford seit dem Model T von 1906 zur Erstausstattung.

1947 heirateten der Ford-Enkel William Clay Ford und die Firestone-Enkelin Martha Parke Firestone. Der jetzige Ford-Vorsitzende William Clay Ford jr. stammt also von beiden Firmengründern ab. Die Mutter des derzeitigen Ford-Vorsitzenden William Clay Ford Jr ist eine geborene Firestone.

Die Aktien des japanischen Reifenherstellers Bridgestone sind am Dienstag abgestürzt. Das Papier der Firestone-Mutter fiel um um 9,4 Prozent auf 1268 Yen. Die US-Kreditbewertungsagentur Moody & s wollte nach einer Mitteilung vom Dienstag eine mögliche Herabstufung der Bonität für Verbindlichkeiten von Bridgestone und Bridgestone/Firestone davon abhängig machen, inwieweit sich die Aufkündigung der Partnerschaft mit Ford auf das Geschäft und die Ertragslage des Reifenkonzerns auswirkt.

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