Wirtschaft : Firmen wenden sich von Indien ab

Ausländische Direktinvestitionen sind im vorigen Jahr um ein Drittel gesunken – nur ein Ausrutscher?

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Neu-Delhi - Ausländische Firmen standen in den vergangenen Jahren geradezu Schlange, um in Indien einzusteigen. Immerhin glänzt die aufstrebende Wirtschaftsmacht mit satten Wachstumsraten. Doch nun kehrt die globale Investorenschar dem Gandhi-Land plötzlich den Rücken. Die ausländischen Direktinvestitionen brachen im vergangenen Jahr um fast 32 Prozent auf knapp 24 Milliarden Dollar ein, und das obgleich die Schwellenländer insgesamt zulegten. Zugleich zogen Ausländer binnen weniger Monate 1,4 Milliarden Dollar Kapital aus dem indischen Aktienmarkt ab, der Börsenindex Nifty stürzte gegenüber November 2010 um 17 Prozent ab.

Flaut der Indien-Boom ab? Indiens Regierung gibt sich gelassen. Nicht Indiens Politik, sondern globale Investmentströme seien für den Einbruch verantwortlich, wiegelte Premierminister Manmohan Singh ab. Aber auch er räumte ein, dass Indien sein Geschäftsklima verbessern könne. „Ich stimme überein, dass wir unsere Entschlossenheit stärken müssen, günstige Bedingungen zu schaffen für größere Funds-Flüsse aus dem Ausland“, sagte Singh. Insbesondere die hohe Inflationsrate von über acht Prozent, bei Lebensmitteln sogar über 17 Prozent biete Anlass zur Sorge.

Trotzdem kann Indien mit seinen Pfunden wuchern. Für dieses Jahr erwartet es ein Wachstum von 8,5 Prozent, für 2012 sogar von neun Prozent, wie die Regierung Ende Februar bei der Vorlage des Budgets ankündigte.

Umso mehr überrascht die Zurückhaltung. „Wir haben in Indien einen scharfen Rückgang gesehen und wir können nicht erklären, warum dies geschah“, sagte James X. Zhan von der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD). Einige Analysten vermuten, dass nicht nur die überbordende Bürokratie, sondern auch eine Serie von Korruptionsskandalen Interessenten abgeschreckt haben könnte. Nicht nur die Sportspiele Commonwealth Games im Herbst waren von dreisten Mauscheleien überschattet, auch ein milliardenschwerer Telekom-Skandal erregt seit Wochen die Nation.

All diese Probleme sind seit Jahren bekannt – und haben ausländische Investoren bisher wenig abgeschreckt. Eher ist es wohl so, dass andere Länder auftrumpfen und Indien in der Gunst ausstechen. Verunsichert hat viele Unternehmen möglicherweise auch ein Steuerstreit zwischen Indien und dem britischen Telekomriesen Vodafone, der derzeit vor dem Höchsten Gericht anhängig ist. Andere Konzerne wie der Versicherer MetLife oder die Handelsgiganten Wal-Mart und Tesco brennen zwar seit Jahren darauf, in Indien zu expandieren. Doch die rigiden Regeln für Auslandsinvestitionen bremsen sie.

Uneins sind sich die Experten, ob der Rückgang der Auslandsinvestitionen nur ein Ausrutscher ist oder einen längere Durststrecke anzeigt. Niemand zweifelt, dass Indien eine der großen Wirtschaftsmächte der Zukunft ist. Doch die Widerstände gegen eine weitere Liberalisierung sind groß. Christine Möllhoff

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