Wirtschaft : Fitness – das neue Statussymbol

Früher waren Manager Genussmenschen, heute lebe sie in Askese.

Katrin Terpitz
Firmenlauf. Ehrgeiz im Beruf übertragen viele Führungskräfte auf den Sport – glücklicher und entspannter werden sie damit nicht unbedingt. Foto: dpa
Firmenlauf. Ehrgeiz im Beruf übertragen viele Führungskräfte auf den Sport – glücklicher und entspannter werden sie damit nicht...Foto: picture alliance / dpa

Früher, als Manager noch „Herr Direktor“ hießen, hatten viele die barocke Statur eines Ludwig Erhard oder Max Grundig. Nach einem üppigen Mahl pflegten sich die Herren in den Rauchersalon zurückziehen. Bei Zigarre und Cognac ließ sich Geschäftliches entspannt besprechen. „Ein Asket wäre mit solchen Genussmenschen damals nicht ins Geschäft gekommen“, ist Christine Stimpel, Deutschlandchefin der Personalberatung Heidrick & Struggles, überzeugt. Übergewicht und Herzinfarkt gehörten zum Manager-Dasein wie der dicke Daimler.

Jürgen Großmann, Unternehmer und bis vor einem Jahr Chef des Energiekonzerns RWE, zählt noch zur aussterbenden Spezies der barocken Genussmenschen in den Führungszirkeln. „Ich habe Freude am Leben“, sagte er einmal der „Zeit“. Ihm gehört sogar ein Feinschmeckerlokal, das „La Vie“ in Osnabrück. „Essen ist ein Mittel zur Stressbewältigung. Maßhalten fällt mir schwer, wenn es mir schmeckt. Das gilt auch für andere Dinge“, gab er offen zu. Weil seine Frau Angst hatte, er würde sich körperlich ruinieren, musste ihr Großmann versprechen, 1000 Tage auf Alkohol zu verzichten. Das Ende der Enthaltsamkeit begoss er bei einem Fest mit Kräuterlikör.

Ganz anders gibt sich Großmanns Nachfolger Peter Terium. Er macht Yoga, meditiert und ernährt sich vegetarisch. Veranstaltungen verlässt er spätestens um 23 Uhr. „Worüber man sich nach dem achten Glas Bier austauscht, dient selten den Unternehmensinteressen“, sagte der RWE-Chef der „Zeit“. Auch Thomas Rabe, Chef des Medienkonzerns Bertelsmann, verkörpert den neuen Typus des eher asketischen Managers. Rabe schwört auf Ingwertee. „Ich treibe viel Sport und trinke seit zwei Jahren keinen Alkohol mehr“, sagte er dem Handelsblatt. „Ich bin viel unterwegs. Für mein Pensum ist es von Vorteil, auch körperlich fit zu sein.“

Die meisten Führungskräfte hierzulande leben sehr diszipliniert, um die Belastungen im Beruf auszugleichen. 60 Prozent sagen, sie pflegen einen bewussten Lebensstil, um für den Job fit zu sein. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von Heidrick & Struggles und dem Handelsblatt unter 1225 Managern und Managerinnen in Deutschland. Rund die Hälfte davon leitet ein Unternehmen. „Wer körperlich nicht topfit ist, kann einen stressigen Führungsjob mit frühem Aufstehen, Flugreisen und Geschäftsessen auf Dauer nicht durchhalten“, weiß Headhunterin Stimpel. Trotz oder vielleicht auch wegen der Selbstdisziplin ist jeder zweite Manager unzufrieden in Sachen Balance von Beruf und Freizeit, zeigt die Umfrage. Sie geben ihr die Noten mangelhaft oder ausreichend. Das hält Stimpel für alarmierend.

Couchpotatoes sind unter Spitzenführungskräften heute selten. Neun von zehn Managern treiben Sport, ein Drittel davon regelmäßig und intensiv, die Hälfte zumindest ein- bis zweimal die Woche. Für so manchen Mann in Spitzenposition ist Sport viel mehr als bloßer Ausgleich. Jeder siebte der sportlichen Manager nimmt an Wettkämpfen teil. Hubertus Meinecke etwa, Senior Partner von Boston Consulting, läuft Extremmarathon durch die Wüste oder rund um den Montblanc. „Ehrgeiz und Disziplin im Beruf übertragen viele Führungskräfte auf den Sport“, beobachtet Stimpel. „Fitness ist das neue Statussymbol der Manager.“

Da Manager viel unterwegs sind, stehen Sportarten wie Joggen und Gerätetraining hoch im Kurs. Sie lassen sich alleine und fast überall ausüben. Unter Führungsfrauen sind außer Joggen auch Yoga oder Pilates beliebt. Erstaunlich: Anders als es das Klischee besagt, spielt nur jeder fünfte Manager Golf. „Schlank und durchtrainiert zu sein, gilt als schick.“ Talente von der Statur eines Peter Altmaier haben es schwer. „Nie würde ich einen Manager einstellen, der übergewichtig ist. Dem mangelt es doch an Selbstdisziplin“, diese Ansicht wird von einem Konzernchef kolportiert. So geben 72 Prozent der befragen Manager an, sich bewusst zu ernähren. Und auch Rauchen ist auf den Führungsetagen aus der Mode gekommen. Nur jeder zehnte greift zur Zigarette. Lediglich 17 Prozent kosten berufliche Abendveranstaltungen aus, die anderen versuchen, nicht zu spät zu gehen. Henkelchef Kasper Rorsted bleibt meist nur bis 21 Uhr.

Manager von heute müssen mit wenig Schlaf auskommen. 42 Prozent schaffen gerade mal fünf bis sechs Stunden, viele sind chronisch übermüdet. „Schlafen ist mein Hobby“, bekam Stimpel von einem der erfolgreichsten Dax-Chefs zu hören. Immerhin gelingt es 65 Prozent der Manager, im Flieger oder Zug zu schlafen. Denn sie reisen viel. 72 Prozent sind ein bis zwei Tage die Woche unterwegs, jeder Vierte sogar bis zu vier Tage.

Die Arbeitsbelastung ist hoch. Die Hälfte der Befragten arbeitet zwischen 51 und 60 Stunden in der Woche. Jeder Fünfte rackert 61 bis 70 Stunden. Zu den absoluten Workaholics mit über 70 Stunden zählen sich fünf Prozent der Befragten. Regine Stachelhaus, bis Ende Juni Personalvorstand von Eon, die aus privaten Gründen nun kürzer tritt, freut sich besonders auf eines: „Mal wieder eine Jahreszeit erleben und den Tag nicht nur nach Sonnenuntergang.“

„Der Druck auf Manager hat in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen, unter anderem durch die ständige Erreichbarkeit“, konstatiert Peter Michael Roth, Chefarzt der Oberbergklinik Berlin-Brandenburg. Lediglich 23 Prozent der Befragten schalten nach Feierabend ihr Diensthandy aus. „Unternehmen erwarten, dass Führungskräfte auch am Wochenende parat stehen“, betont Stimpel. „Erholungsphasen gesteht man sich nicht mehr zu, sie gelten als Faulsein“, kritisiert Roth. Scheinbares Nichtstun sei aber extrem wichtig für den Erhalt der Leistungsfähigkeit.

Die hohe Arbeitsbelastung und Selbstdisziplin suchen sich ein Ventil: 60 Prozent der befragten Führungsspitzen trinken unter der Woche Alkohol. „Etliche Manager nutzen Alkohol als Dopingmittel“, beobachtet Chefarzt Roth. „Das Gläschen Bier oder Wein ist eine schnelle Möglichkeit, sich von Grübeleien oder Selbstzweifeln zu befreien.“ Auch wer Alkohol brauche, um zu entspannen oder Ärger herunterzuspülen, sei bereits auf dem Weg zur Abhängigkeit, warnt der Suchtexperte. Riskanter Konsum beginnt laut Weltgesundheitsorganisation WHO bei Frauen bereits bei 0,3 Liter Bier und 0,15 Liter Wein am Tag. Bei Männern ist es die jeweils doppelte Menge. So mancher Manager mag mit einem Gläschen Alkohol seine latente Unzufriedenheit herunterspülen. Denn nur jeder Fünfte hat ein gutes Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben gefunden.

Einer der Gründe dafür: Zwar leben über 90 Prozent der Manager in einer festen Partnerschaft, bei den Managerinnen sind es 75 Prozent. Aber die typische Hausfrau, die dem Mann für seine Karriere den Rücken freihält, ist ein Auslaufmodell. 67 Prozent der Manager in fester Beziehung haben heute eine Partnerin, die ebenfalls arbeitet. Die Partner von Managerinnen sind noch häufiger – zu 88 Prozent – berufstätig. Die Folge: „Viele weibliche Führungskräfte bezahlen ihre Karriere mit dem Verzicht auf Kinder“, sagt Stimpel. Fast 80 Prozent der befragten Manager haben Kinder, aber nur 41 Prozent ihrer Kolleginnen. „Für die meisten vielreisenden und hart arbeitenden Manager ist die Familie der Anker im Leben“, sagt die Personalberaterin. Regine Stachelhaus, die nun ihren kranken Mann pflegt, spricht für viele: „Ich mache meinen Job mit Leidenschaft. Aber meine Familie ist für mich das Wichtigste.“ (HB)

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