Wirtschaft : „Fliegen wird billiger werden“

Luftfahrtökonom David Gillen über die Zukunft der Branche

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DAVID GILLEN

ist Luftfahrtökonom

an der Wilfrid Laurier University im kanadischen Waterloo

Foto: promo

Herr Gillen, erlebt die Luftfahrt im Moment wirklich ihre schlimmste Krise?

Ja, denn es finden mehrere Krisen gleichzeitig statt. Einerseits lahmt die Konjunktur, die Leute wollen weniger Geld fürs Fliegen ausgeben. Außerdem haben die Fluggesellschaften in den Neunzigerjahren zu viele Kapazitäten aufgebaut – in Nordamerika vor allem wegen des HightechBooms. Die Hightech-Branche war in ihren Spitzenzeiten sehr reiseintensiv. Nortel in Kanada hatte ein Reise-Budget von 100 Millionen Dollar. Das ist nach der Krise in der Branche nicht mehr so – und Air Canada leidet sehr darunter. Fluggesellschaften mit sehr großen Kapazitäten waren Anfang des Jahrtausends plötzlich mit einem drastischen Nachfragerückgang konfrontiert. Der 11. September, Krieg und Sars verschreckten die Passagiere noch zusätzlich. Und die Konkurrenz der Billigflieger macht alles noch schlimmer.

Was für eine Rolle spielt Sars?

Vor allem im Regionalverkehr in Asien führt Sars bei den Fluggesellschaften zu großen Einbrüchen. Jetzt kommt es darauf an, wie die Regierungen die Krankheit in den Griff bekommen. Das kann aber noch eine Weile dauern.

Was müssen die Fluggesellschaften tun?

Noch bis vor kurzem war es üblich, dass sich die großen Fluggesellschaften darauf konzentriert haben, eine möglichst große geografische Reichweite mit einer hohen Frequenz von Flügen zu bieten. Sie konzentrierten sich mit gutem Service auf Passagiere, die viel zahlen. Davon gibt es jetzt weniger – auch die Geschäftsleute wollen weniger Geld ausgeben, und sie haben jetzt mit den Billigfliegern eine Alternative. Also müssen Lufthansa, British Airways oder Air France sich auf Fernflüge konzentrieren – und ihre Kostenstrukturen und Kapazitäten anpassen. Dabei wird die Lufthansa in Europa zu den Gewinnern gehören. Sie hat Kosten und Kapazitäten erstklassig im Griff.

Warum geht es den amerikanischen Airlines noch schlechter als den europäischen?

Sie sind noch viel mehr vom Nachfragerückgang wegen Terror und Krieg betroffen. Aber sie haben es auch versäumt, ihre Kapazitäten abzubauen. Dazu kommt, dass die großen Airlines mit den Gewerkschaften ziemlich teure Tarifverträge ausgehandelt haben – und das kostet zu viel. Und: Die Billigflieger wie Southwest und Jetblue sind schon viel etablierter als in Europa.

Wird Fliegen billiger werden?

Insgesamt ja, wenn sich die Branche restrukturiert. Die traditionellen Flieger werden sich nach unten anpassen müssen. Aber je mehr sie die regionalen Märkte beherrschen, werden auch die Billigflieger mit ihren Preisen nach oben gehen.

Das Gespräch führte Flora Wisdorff .

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