Flüchtlinge in Ausbildung : 14 Jahre ohne Perspektive

"Ohne Ausbildungsplatz gab es keine Aufenthaltsgenehmigung und ohne Aufenthaltsgenehmigung keinen Ausbildungsplatz": Für Flüchtling Sam Tolouie sah es lange schlecht aus. Doch dann fand er eine Anstellung in einem Unternehmen für Orthopädietechnik in Berlin.

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Mit Prothesen wie diesen beschäftigt sich das Ausbildungsunternehmen von Flüchtling Tolouie.
Mit Prothesen wie diesen beschäftigt sich das Ausbildungsunternehmen von Flüchtling Tolouie.Foto: dpa

Es ist Montagmorgen, und Sam Tolouie ist an seinem Arbeitsplatz. Eigentlich sollte das nichts Besonderes sein, denn so geht es den meisten Menschen. Doch für ihn ist es fast ein kleines Wunder, dass er sich gleich in einer Werkstatt in einem grauen Industriegebiet in Lichtenberg an die Schleifmaschine stellen wird, um ein Werkstück aus Polyethylen zu bearbeiten. Er muss noch üben, wie man den Schaft einer Prothese so bearbeitet, dass der Träger später keinen Druck spürt.14 Jahre lang lebte Tolouie in einer Art Vakuum ohne Arbeit und Lebensperspektive. Lange sogar ohne Sprache. Der heute 34-jährige Tolouie floh mit 19 aus dem Iran nach Deutschland. In ein Land, das ihm lange verwehrte, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. "Bevor ich die Ausbildung begann, war Berlin für mich wie ein offener Knast. Als Asylbewerber durfte ich lange Zeit weder arbeiten noch zur Schule gehen, studieren oder die Stadt verlassen. Die ersten zehn Jahre durfte ich nicht einmal einen Sprachkurs machen", sagt er in fast fehlerfreiem Deutsch. Sein Akzent ist dezenter als das Sächsisch seines Ausbilders, des Orthopädietechnikers Marcus Finke. Seit letztem Herbst ist Sam Tolouie Auszubildender bei der Firma Dr. Recknagel Gesundheitsservice GmbH, einem Unternehmen mit rund 70 Angestellten, das Prothesen für Menschen mit fehlenden Gliedmaßen herstellt und Orthesen für Patienten, deren Arme und Beine Unterstützung bei der Bewegung brauchen. »Die alte Dame, die hier steht, haben wir zusammen gemacht«, sagt Marcus Finke und zeigt auf ein aus durchsichtigem Kunststoff geformtes Bein - eine Orthese für eine Krebspatientin, der die Ärzte so viel krankes Gewebe aus dem Oberschenkel geschnitten haben, dass sie nicht mehr stehen und laufen kann. Die Orthese soll dafür sorgen, dass sie sich wenigstens in ihrer Wohnung noch ohne Hilfe bewegen kann. Tolouie und Finke haben die Patientin gemeinsam besucht und einen Gipsabdruck des kranken Beins gemacht.

Es gab nur wenige geeignete Bewerber

Orthopädietechniker sei kein Beruf, bei dem "wir Blumen malen", sagt Heike Tschorr, Betriebsleiterin bei Dr. Recknagel Gesundheitsservice GmbH. Das ist nur einer der Gründe, warum es schwierig ist, guten Nachwuchs zu finden. Es gibt nur wenige geeignete Bewerber für die Ausbildungsplätze. »Das liegt auch daran, dass der Beruf nicht sehr bekannt ist.« Und am niedrigen Gehalt - 354 Euro verdienen Auszubildende im ersten Lehrjahr. Andererseits braucht man "ein gewisses geistiges Niveau für die Ausbildung". Ebenso wie Feingefühl und die Fähigkeit, mit dem Leid der Patienten umzugehen. Vor allem aber legt Heike Tschorr Wert darauf, dass in ihrem Team eine angenehme Atmosphäre herrscht. All das sind Gründe, warum sie Sam Tolouie eingestellt hat. "Herr Tolouie hat immer gute Laune und bringt viel gute Energie ins Team und viele Talente mit", sagt sie. Heike Tschorr hat seine zukünftigen Kollegen vor der Einstellung gefragt, ob sie gern mit ihm zusammen arbeiten würden. Nach sechs Monaten Praktikum kannten sie ihn schon gut und stimmten zu. "Es hat einfach gepasst." Und gerade das sei so schwierig: Jemanden zu finden, der passt. Sam Tolouie ist ein Mensch, der eher still wirkt. Seine Mundwinkel verziehen sich oft zu einem charmanten, aber zurückhaltenden, fast entschuldigenden Lächeln. Selbst bei der Frage nach dem Grund für seine Flucht aus dem Iran: "Darüber möchte ich nicht sprechen." Acht Jahre brauchten die Behörden, um seine Asylanträge zu bearbeiten. Nach der zweiten Ablehnung habe er dennoch eine Duldung bekommen. 2010 durfte er endlich zum ersten Mal einen Deutschkurs besuchen. "Auf dem Amt hat man mich immer gefragt: Was haben Sie vorzuweisen, was haben Sie in Deutschland erreicht? Aber ich durfte ja nichts. Ohne Ausbildungsplatz gab es keine Aufenthaltsgenehmigung und ohne Aufenthaltsgenehmigung keinen Ausbildungsplatz." Im Iran hatte er Abitur gemacht und drei Semester Architektur studiert. All das wurde hier nicht anerkannt. Also wiederholte er zwei Schuljahre und machte den Mittleren Schulabschluss nach.

"Viele Geflüchtete bringen Talent mit"

Eine Gesetzesnovelle im Herbst letzten Jahres öffnete dann endlich die nächste Tür: Sie erlaubt Menschen mit Duldung oder im Asylverfahren, aber noch ohne langfristige Aufenthaltserlaubnis, eine Ausbildung zu machen. Das eröffnet nicht nur Asylbewerbern neue Chancen, sondern auch den Firmen: "In Berlin gibt es Nachwuchsprobleme insbesondere im Handwerk. Momentan sind viele Lehrstellen unbesetzt", sagte Stephan Schwarz, Präsident der Berliner Handwerkskammer, vor kurzem bei der Vorstellung der Initiative "Flüchtling ist kein Beruf - Arrivo", die Flüchtlinge und Unternehmen zusammenbringen soll. "Viele geflüchtete junge Menschen in dieser Stadt bringen die benötigten Talente mit. Sie sind sehr motiviert, sich in das Arbeitsleben zu integrieren. Wenn wir Betriebe und Flüchtlinge zusammenbringen, ist beiden geholfen", sagt Schwarz. Zu Beginn des Programms arbeitet eine Gruppe von 25 Flüchtlingen jeweils zwei Wochen in den Übungswerkstätten der Innungen Sanitär-Heizung-Klima und Metall- und Kunststofftechnik, des Kraftfahrzeuggewerbes Berlin, des Dachdeckerhandwerks, der Maler- und Lackierer- sowie der Baugewerksinnung. »Die Teilnehmer sollen herausfinden, welcher Beruf infrage kommt", sagt Anton Schünemann, Projektleiter von Arrivo. "Und sich auf die folgenden vierwöchigen Praktika vorbereiten." 40 Betriebe machen mit - auch aus anderen Branchen wie Bäckereien und Pflegeunternehmen. "Einige der Teilnehmer haben Abitur, viele bereits einen Beruf. Wir haben Maler, Kraftfahrzeug-Mechaniker, Metallschneider und Bauarbeiter dabei«, sagt Schünemann. Sam Tolouie ist sozusagen das Vorbild für diese Initiative. Er hat an dem Projekt "Bildungsmanufaktur" im Jugend- und Kulturhaus Schlesische 27 in Kreuzberg teilgenommen. Unter dem Dach dieses Bildungsträgers ist auch die Arrivo-Initiative angesiedelt. Die "Bildungsmanufaktur" ist ein besonderer berufspraktischer Kurs, der sich sowohl an Berliner mit Migrationshintergrund richtet, die in der Schule gescheitert sind, als auch an Flüchtlinge. Die Teilnehmer, die meist jünger sind als Sam Tolouie, arbeiten mit Künstlern und Handwerkern an Projekten: Sie bauen zum Beispiel Parkbänke aus Holz und Metall. Nebenbei machen sie ihren Schulabschluss nach. Ziel ist es, einen Ausbildungsplatz finden. Die Teilnehmer haben gute Chancen, Kontakte zu Betrieben zu knüpfen: Nach jedem Projekt präsentieren sie die Ergebnisse vor Publikum. "Als die Bänke gebaut wurden, hatten wir einen Unternehmer eingeladen, der so beeindruckt war, dass er uns gleich mehrere Praktikumsplätze angeboten hat", sagt Heidi Walter, die als Sozialpädagogin für den Kurs zuständig ist.Sam Tolouie hat sich seinen Wunschberuf selbst gesucht, er hat recherchiert, bis er auf die Orthopädietechik stieß. Die Schlesische 27 kontaktierte die Handwerkskammer, die wiederum Heidi Tschorr. Und Tolouie begann das Praktikum, bei dem er sich bewähren konnte. Schließlich gab seine Chefin ihm den Ausbildungsvertrag, obwohl er noch keine Aufenthaltsgenehmigung hatte. Die bekam er im Anschluss, allerdings nur für ein Jahr. Eine Verlängerung hängt von Heike Tschorrs Bewertung ab. Doch da muss er sich wenig Sorgen machen: "Herr Tolouie könnte jetzt schon seinen Meister machen - das Zeug dafür hat er", sagt Heike Tschorr. "Da sind wirklich viele Jahre verschenkt worden."

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