Wirtschaft : Fragen zum Misstrauen

85 Prozent der Deutschen vertrauen ihrer eigenen Familie. Skeptischer sind sie bei Politik und Wirtschaft

Jürgen Schupp,Gert G. Wagner

Nach der erfolgreichen Misstrauensfrage im Bundestag hat paradoxerweise der Begriff Vertrauen ungeahnte Konjunktur: Das SPD Wahlmanifest ist mit „Vertrauen in Deutschland“ überschrieben! Eine erstaunliche Karriere eines Begriffes. Doch wie steht es wirklich um das Vertrauen in Deutschland?

Brandaktuelle Zahlen haben wir nicht, aber für das Jahr 2004 stehen im Rahmen einer Sondererhebung des vom DIW Berlin durchgeführten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für knapp 750 Erwachsene repräsentative Informationen zum Vertrauen in Institutionen und im privaten Bereich zur Verfügung. Da dieselben Fragen auch schon 2002 und 2003 gestellt wurden, weiß man, dass die Strukturen des Vertrauens sich kaum geändert haben. Die Ergebnisse von 2004 gelten daher auch heute noch.

Im Hinblick auf den privaten Bereich kann von einem Vertrauensproblem keine Rede sein. Etwa 85 Prozent der Befragten vertrauen ihrer eigenen Familie „sehr viel“; Freunden wird immerhin zu einem Drittel sehr viel Vertrauen entgegen gebracht. Berücksichtigt man auch diejenigen, die „ziemlich viel“ Vertrauen schenken, so ist nur einer von zehn gegenüber Freunden misstrauisch. Etwa zwei Drittel vertrauen auch ihren Nachbarn und Arbeitskollegen entsprechend. Dabei ist das Vertrauen in Westdeutschland mit etwa 70 Prozent häufiger vorhanden als in Ostdeutschland mit etwa 60 Prozent.

Erschreckend ist hingegen das äußerst geringe Vertrauen in Institutionen. So schenkt nur knapp ein Viertel der Befragten den Gewerkschaften und ebenfalls nur ein Viertel den großen Wirtschaftsunternehmen Vertrauen. Auf geringe Werte kommt mit rund 20 Prozent der Bundestag, wobei in Ostdeutschland das Vertrauen in diese demokratische Institution noch geringer ist als in Westdeutschland.

Wichtig ist: Den im Alltag zentralen öffentlichen Bereichen wird dagegen vergleichsweise viel Vertrauen entgegengebracht. Etwa 40 Prozent der Befragten schenken Schulen und dem Bildungswesen ziemlich viel Vertrauen. Der Polizei vertrauen sogar fast 75 Prozent der Befragten. In diesem Bereich sind auch die Anteile derer, die überhaupt kein Vertrauen aufbringen, gering: Nur jeder zwanzigste vertraut der Polizei ganz und gar nicht. Mit über 50 Prozent ist hohes Vertrauen in die Gerichte auch stark ausgeprägt; nur 10 Prozent misstrauen ihnen. Dies sind nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch wirtschaftspolitisch wichtige Befunde: Vertrauen in ein funktionierendes Rechtswesen ist unbedingt notwendig, um auf dynamischen Märkten Geschäfte machen zu können.

Gert G. Wagner und Jürgen Schupp leiten die Längsschnittstudie „Sozio-oekonomisches Panel“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin

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