Wirtschaft : Frank Quade

Geb. 1929

David Ensikat

Was nützt das Playboyleben, wenn es keiner bezeugt? Belichtungszeit, Blende, Bildausschnitt, Bildschärfe – es soll ja Fotografen geben, die auf solche Dinge Acht geben. Frank Quade, genannt Franky, war keiner von ihnen: „Ick bin doch der letzte Proletenfotograf, hör mal!“ Sollte heißen: Wer auf meinem Bild drauf ist, ist wichtig, nicht, wie der drauf ist (Hauptsache es ist kein Prolet). Entweder es war jemand mit bedeutendem Namen, ein Prominenter also, oder es war jemand mit bedeutenden Beinen, ein Mädchen also. Alles andere hat Franky nicht interessiert.

Nach dem Krieg hatte er es erst mal mit Süßkram versucht, Schokolade, Ami- Kaugummis. Dafür konnte man einiges auf dem Schwarzmarkt bekommen, und vor allem: Süßwarenhandel war nicht so verboten wie der mit Schnaps und Zigaretten. Irgendwann konnte sich Franky eine Leica leisten, niemand weiß so recht, wie er auf die Idee kam, mit der Knipserei Geld zu verdienen.

Es weiß auch niemand mehr so genau, wie er Rolf Eden kennen gelernt hat. Wahrscheinlich kamen die beiden einfach nicht aneinander vorbei, damals im 50er-Jahre-Westberlin. Waren ja beide aufs wilde Leben spezialisiert, Eden vor allem, um mitzumischen, Franky, um es mit seiner Leica festzuhalten. Er hatte schnell gemerkt, dass sich Fotos von Berlinale-Stars und Berliner Sternlein besser verkaufen als Fotos von Häusern und Straßen. Zumal die Berliner Häuser und Straßen noch ziemlich ramponiert aussahen.

Eine Geschichte erzählte Franky sehr gerne: Wie er zum ersten Mal bei der Berlinale hineinkam, in den Zoo-Palast. Sophia Loren stolzierte über den roten Teppich, er stolperte rückwärts vor ihr her und drückte unablässig auf den Auslöser seiner Kamera. Dem Einlasser rief er nur zu: „Bin gleich wieder raus!“, blieb natürlich drin und machte noch ein paar Bilder von Frau Lorens Dekolleté. Herr Adolph, Frankys Bilderagent, hat sie noch heute in seinem Portfolio.

Jetzt aber zu Rolf Eden, dem wohlhabenden Tanzveranstalter und berufsmäßigen Aufschneider, dessen Aufschneidertum in Franky Quade seinen kongenialen Transporteur gefunden hat. Das älteste Eden-Foto von Franky, das der Bilderagent anbieten kann, ist aus dem Jahr 1957 und nicht allzu überraschend: Rolf Eden, noch nicht blondiert, mit stolz gerecktem Hals im Porsche Cabrio, neben ihm eine namenlose Blondine mit schickem Kopftuch. Sein berühmtestes Eden-Foto hat Franky 1971 aufgenommen, darauf steht der Mann, den sie „Playboy“ nannten, bis zur Hüfte im Wasser eines Pools, die eine Hand um die Schulter der nackten Ingrid Steeger gelegt, die andere um die einer zweiten Nacktblonden – bei welcher es sich jedoch nicht um Elke Sommer handelt, wie in etlichen Bildunterschriften behauptet, Herr Adolph, der Bilderagent ist sich da sicher.

Dass solche Situationen, die auf den Bildern nach Leichtsinn und Spontaneität aussehen, weniger damit, aber sehr viel mit dem Vorhandensein des Fotografen zu tun haben, ist sicher. Franky brauchte Eden, und Eden brauchte Franky. Gelangte ein Quade-Bild aus einer Eden-Disko in eine Berliner Zeitung, dann bekam Franky nicht nur das Zeitungshonorar, sondern von Eden nochmal ein paar Mark extra. So ein Bild war ja mehr wert als zehn Anzeigen. Und außerdem: Was nützt das Playboyleben, wenn es keiner bezeugt?

Hausfotograf im Big Eden – was für ein Job! Zwei Kameras um den Hals gehängt, ein minderjähriges Tanzhuhn angequatscht – „Wie wär’s mal mit’n paar jeschmackvollen Bildern im Atelier?“ – das Tanzhuhn schwänzt am nächsten Tag die Schule, kommt ins Atelier, bekommt Sekt und Whiskey zum Lockermachen, wird kurz überredet zum Freimachen, und der Hausfotograf hat nicht nur die Bilder im Kasten, sondern auch viel Spaß bei der Arbeit. Dass Trudchen, die Frau, mit der Franky verheiratet war, das nicht lange ertrug, kann man verstehen. Dass er kein tolles Vorbild für seinen Sohn war, auch.

Frankys große Zeit, das waren die sechziger und siebziger Jahre. Man konnte damals noch Schwarz-Weiß-Fotos verkaufen. Als selbst die Zeitungen, Bild und B.Z., nur noch Farbbilder wollten, ging es bergab. Wie gesagt, mit der Technik hatte Franky es nicht so. Er dachte immer, für Belichtung und Bildausschnitt sei das Labor zuständig, er, der Proletenfotograf, müsse sich nur um den richtigen Augenblick kümmern. Aber Farbfilme sind furchtbar empfindlich, da muss man wissen, was es mit Blende und Belichtungszeit auf sich hat. Und dann noch die Blitzerei: Die prominentesten Promis, die schärfsten Mädels – Franky blitzte sie alle von vorn, volle Pulle druff. Also waren Promis und Mädels auf seinen Fotos immer kreidebleich und die Schatten hinter ihnen rabenschwarz.

Franky kannte die Bildredakteure in den wichtigen Redaktionen, aber irgendwann hat ihm das auch nichts mehr genützt: „Mensch, Franky, mach dit doch mal bisschen appetitlicher, verstehste?“ – „Wat willste denn, die Olle is’ doch rattenscharf!“ Sudelquade haben sie ihn irgendwann genannt.

In den letzten Jahren lebte er nur noch von seinen alten Bildern, hin und wieder druckt die ja noch jemand, wenn’s um die alten Zeiten geht, West-Berlin, Eden, Buchholz, Juhnke. Nach den Mädels mit den Beinen fragt keiner mehr, gibt ja neue, besser fotografierte. Abends ist Franky in die Kneipen gegangen, am Tag hin und wieder zum Bilderagenten. Da saß er dann, erzählte von früher und zeigte auch mal ein Foto von einer 17-Jährigen, die er letztens noch irgendwo aufgegabelt und von vorn geblitzt hatte.

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