Wirtschaft : Frankfurter Börse: 415 Jahre Kapitalismus pur

Mit der Börse für Wertpapierhandel, wie sie der Frankfurter Rat am 9. September 1585 genehmigte und wie sie danach über Jahrhunderte bestand, hat die heutige Börse nur noch das Grundprinzip gemein: Sie führt Angebot und Nachfrage an Wertpapieren zusammen und bestimmt so deren Marktpreis, den Börsenkurs. Während sich aber früher Makler und Händler auf dem Parkett tummelten, um im richtigen Augenblick das große Geschäft zu machen, ist die Frankfurter Börse inzwischen die letzte ihrer Art in Europa, die den guten alten Parketthandel überhaupt noch betreibt.

Die Einführung der elektronischen Börse Xetra im Herbst 1997 hat "die größte Revolution im Frankfurter Börsengeschäft seit Gründungszeiten" in Gang gesetzt, erklärt Börsensprecher Frank Hartmann das Ende der so genannten Präsenzbörse: Händler, die heute in Frankfurt Aktien und andere Papiere handeln, müssen seitdem nicht mehr vor Ort anwesend sein. Sie sind es in der Regel auch nicht mehr. Knapp 80 Prozent aller deutschen Aktien werden mittlerweile elektronisch gehandelt. Dennoch: "Solange unsere Teilnehmer das Parkett wünschen, bieten wir ihnen das auch noch an. Und es sieht nicht so aus, als ob sie diese Art Handel voll und ganz abschaffen wollten."

Sind die Deutschen nostalgischer als andere Nationen? Nicht unbedingt, sagt Hartmann. Dass der Wunsch nach dem traditionellen Parketthandel hier relativ stark verwurzelt ist, erklärt er vor allem damit, dass Deutschland anders als die meisten anderen Länder über eine Reihe von Regionalbörsen verfügt und so nicht auf einen einzigen - für viele täglich schlecht erreichbaren - großen Handelsplatz angewiesen ist. Außerdem habe die elektronische Revolution in Deutschland auch auf anderen Gebieten später stattgefunden als im Ausland.

Die Geschichte der Aktie ist nicht nur in Deutschland mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung eng verknüpft. "Ohne die Aktie wäre die gesamte Industrialisierung völlig undenkbar", glaubt Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts in Frankfurt. Seit dem 17., vor allem aber im 18. Jahrhundert kam es in Europa zu immer neuen Gründungen von Handelskompanien. Zunächst wollten diese Unternehmen überseeische Kolonien erschließen, doch bald traten auch Unternehmen anderer Wirtschaftszweige als Aktiengesellschaften in Erscheinung. Im Frankfurter Raum gründete sich beispielsweise bereits im Jahr 1765 die Höchster Porzellanmanufaktur als Aktiengesellschaft. 1843 erleichterte das preußische Aktiengesetz die Gründung von Aktiengesellschaften - 23 Jahre nachdem an der Frankfurter Börse die erste Aktie gehandelt wurde. Zwar blieb man gegenüber dieser anonymen Art der Kapitalaufbringung weiterhin misstrauisch, doch wuchs der Kapitalbedarf der Unternehmen - allen voran im Eisenbahnbau, später im Bergbau - so immens, dass die Zahl der Aktiengesellschaften rasant stieg. In der so genannten Gründerzeit (benannt nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871) entstanden allein in Preußen 857 Aktiengesellschaften - von denen allerdings Ende 1874 schon wieder 123 in Konkurs gingen. Nicht zuletzt deshalb wurde zum Schutz der Anleger 1896 erstmals ein Börsengesetz für alle deutschen Börsen verabschiedet. Unter anderem verschärfte es die Haftungsregeln für Emittenten, führte einen Staatskommissar als Organ der Börsenaufsicht ein und verbot es "Personen weiblichen Geschlechts", eine Börse zu besuchen. Auf der Basis dieses neuen Börsengesetzes erlebte das deutsche Aktienwesen auch seine erste Blütezeit: 1909 gab es in Deutschland nach Informationen des deutschen Aktieninstituts 5222 Aktiengesellschaften. Ihre absolute Spitze erreichten die AGs allerdings erst zwischen den beiden Weltkriegen: 1925 gab es in Deutschland 13 010 Aktiengesellschaften. Zum Vergleich: Mitte der 1990er Jahre waren es rund 4000, von denen wiederum weniger als 700 an der Börse notiert waren.

Erst in den vergangenen Jahren erlebe die Aktie in Deutschland wieder ein Revival, erklärt Hartmann. Datieren lasse sich dieses Revival eindeutig mit dem Börsengang der Telekom 1996 und dem Start des Neuen Marktes 1997. "Danach haben sich auf einmal viel mehr Aktionäre und Unternehmen getraut, an die Börse zu gehen", erklärt Hartmann. Und die Zahlen sprechen für sich: Während 1997 nur 25 Unternehmen den Börsengang wagten, waren es 1999 schon 168, in der ersten Jahreshälfte 2000 sogar schon 112 - mit steigender Tendenz.

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