Wirtschaft : Frankreich muss auf Entzug

Die Europäer halten den Rekord im Konsum von Beruhigungsmitteln – die Gesundheitssysteme machen es ihnen leicht

Charles Fleming,Anne-Michele Morice

Jede vierte Frau in Frankreich schluckt regelmäßig rezeptpflichtige Beruhigungs- oder Aufputschmittel. Ein Belgier konsumiert im Durchschnitt siebenmal mehr Beruhigungsmittel als ein Amerikaner. Und die Iren sind Weltmeister im Schlucken von Medikamenten gegen Angstzustände.

Weil Medikamente einerseits nicht teuer sind und andererseits Ärzte sie bereitwillig verschreiben, nehmen die Westeuropäer laut dem International Narcotics Control Board, der Suchtstoffkontrollbehörde der UNO, mehr Beruhigungsmittel und Antidepressiva als irgend jemand sonst in der Welt. Jetzt versuchen einige finanzschwache Staaten, dem teuren Treiben ein Ende zu setzen.

Der Entzug wird nicht einfach werden. Francoise Xenakis, eine jugendlich wirkende 73-jährige französische Schriftstellerin, nimmt Antidepressiva „unregelmäßig seit mehr als dreißig Jahren“, um eine chronische Depression zu bekämpfen, die genetisch bedingt sei. Um an mehr Medikamente zu kommen, pflegte Frau Xenakis gleichzeitig zu mehreren Ärzten oder zu einem ihr bekannten Apotheker zu gehen, der ihr verschreibungspflichtige Medikamente unter der Hand gab. Das ist zwar illegal, aber in Frankreich gang und gäbe. Dosierung und Kombination der einzelnen Medikamente stellte sie sich selbst zusammen.

Die lockere Einstellung zu harten Medikamenten lassen in Frankreich, wo den Patienten die meisten Arzneimittel erstattet werden, die Alarmglocken schrillen. In einem Regierungsbericht wird geschätzt, dass Schmerzmittel, Antidepressiva und Beruhigungsmittel das französische Krankenversicherungssystem jährlich mehr als 16 Milliarden Euro kosten, was dazu beiträgt, dass sich das Defizit im Sozialversicherungssystem von jetzt 13,6 Milliarden Euro weiter erhöht.

Einige französische Ärzte sagen, es sei zu einfach, ein Rezept zu bekommen, weil der französische Krankenversicherungsfonds (CNAM) weder die freie Arztwahl noch die Anzahl der Rezepte, die ein Arzt ausstellen kann, limitiere. Bei fast der Hälfte aller Patienten, die in Frankreich Antidepressiva einnehme, sei nicht einmal eine Depression diagnostiziert worden, sagt Alain Weill, Autor einer Studie des CNAM über Arzneimittelkonsum.

Das kann gefährliche Konsequenzen haben. Etwa ein Drittel aller Menschen, die wesensverändernde Medikamente nehme, zu denen auch Beruhigungsmittel, Schlafmittel und Antidepressiva gehören, neige dazu, den Beipackzettel zu ignorieren, schätzt Herr Weill. So seien die Nebenwirkungen dieser Medikamente für rund 30 Prozent der Unfälle älterer Menschen verantwortlich. Um diese Probleme anzugehen, erwägt Frankreich nun, das Hausarztsystem einzuführen. Für die Behandlung bei einem Spezialisten muss der Patient eine Überweisung haben.

Belgiens Regierung startete im vergangenen Jahr eine Medienkampagne, um Patienten und Ärzte davon zu überzeugen, mit Schlaftabletten und Pillen gegen Angstzustände zurückhaltend umzugehen. Die Regierung habe sich zu diesem Schritt veranlasst gesehen, weil im Jahre 2001 über 13 Prozent der Bevölkerung solche Medikamente eingenommen habe, 1997 waren es nur zehn Prozent, sagt Robert van der Stichele, Pharmakologieprofessor an der Universität Gent.

Frankreich hat ein noch größeres Problem, weil es dort einen großen Appetit auf alle möglichen Medikamente gibt. Frankreich hat mehr Apotheken als jedes andere europäische Land - 23 271 für 60 Millionen Menschen, fast doppelt so viele pro Kopf wie in Großbritannien. „Wir sind zu einem Volk von Neurotikern geworden“, sagt Phillipe Labro, ein bekannter französischer Schriftsteller, der einen Bestseller über den Kampf gegen seine Depressionen geschrieben hat. Labro denkt, die Abhängigkeit der Franzosen von Antidepressiva hänge mit dem Charakter des Landes zusammen. „Wir sind eine hochgeistige Nation, betreiben Haarspalterei und haben eine größere Fähigkeit zur Selbstbeobachtung als andere Menschen.“ Martin Winkler, Arzt in Le Mans, behauptet dagegen: „Die Franzosen sind auch nicht depressiver als andere Menschen.“ Schuld seien eine schlechte Gesundheitspolitik und schlecht qualifizierte Ärzte.

Hamid Ghodse, Professor für Psychiatrie in London und Berater des International Narcotics Control Board, sagt, der große Appetit auf Medikamente in Europa zeige, dass es den Regierungen offenbar leichter falle, die Medikamente zu zahlen, statt für gute Behandlung zu sorgen. Einige Ärzte sagen, sie erhielten auch enormen Druck von ihren Patienten, weiterhin reichlich Medikamente zu verschreiben. „Der Patient sieht im Hausarzt so etwas wie einen Süßigkeitenautomaten“, sagt Piernick Cressard, Psychiater in Orléans.

Die Texte wurden übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Medikamente), Svenja Weidenfeld (Beruhigungsmittel), Christian Frobenius (Osterweiterung), Matthias Petermann (Iran und Arafat).

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