Frauen und Digitalisierung : Flexibler schuften

Eine neue Studie beleuchtet die Vor- und Nachteile der modernen Arbeitswelt. Immer mehr Mütter können zu Hause arbeiten, aber der Druck steigt.

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Familie und Beruf kombinieren: Das geht im Home-Office besser. Arbeitsministerin Nahles fordert Betriebe auf, neue Modelle auszuprobieren. Foto: Imago/Westend61
Familie und Beruf kombinieren: Das geht im Home-Office besser. Arbeitsministerin Nahles fordert Betriebe auf, neue Modelle...Foto: imago/Westend61

Sie sitzt in ihrem aufgeräumten Wohnzimmer. Vor ihr auf dem Tisch dampft ein heißer Kaffee, auf ihren Knien steht ein aufgeklapptes Laptop. Ihr kleines Kind krabbelt friedlich über den Teppich. So sieht es aus, das Bild vom perfekten Home-Office-Arbeiten einer Frau. Nur hat das wenig mit der Realität zu tun.

Viele Paare wollen sich Arbeit und Kindererziehung heutzutage aufteilen. Weil es aber nach wie vor eher Frauen sind, die in Teilzeit arbeiten oder sich eine Auszeit nehmen, ist die Vereinbarkeit von Familie und Job vor allem für sie ein Thema. In einer Sonderauswertung des DGB-Index „Gute Arbeit“, die dem Tagesspiegel exklusiv vorliegt, wurde deswegen untersucht, inwieweit Frauen die Digitalisierung – die unter anderem die Arbeit daheim im Home-Office erleichtert – als hilfreich ansehen. Oder nicht.

Mobiles Arbeiten kann durchaus nützlich sein

Die Befragung zum DGB-Index „Gute Arbeit“ liefert jedes Jahr Informationen darüber, wie die Beschäftigten ihre Arbeitsbedingungen beurteilen. Im Jahr 2016 lag der Schwerpunkt auf der Digitalisierung der Arbeit. Rund 4900 Frauen und 4700 Männer haben dazu Auskunft gegeben. Mit dem Ergebnis: Für die Mehrheit der Frauen (66 Prozent) hat die Digitalisierung bislang nichts an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf verändert. Rund ein Fünftel der Beschäftigten berichtet von Verbesserungen, gut jede Zehnte von Verschlechterungen.

In der Tendenz zeigen die Ergebnisse allerdings einen positiven Zusammenhang zwischen der Möglichkeit, mobil zu arbeiten, und einer besseren Balance zwischen Arbeit und Privatleben. 68 Prozent derjenigen, die im Büro nicht präsent sein müssen, stellten diesbezüglich eine deutliche Verbesserung fest. „Nützlich ist das zum Beispiel, wenn jemand weit von seiner Arbeitsstelle entfernt wohnt“, sagt DGB-Gleichstellungsexpertin Anja Weusthoff. „Eine Stunde hin- und eine Stunde zurückfahren, das kann in Berlin ja durchaus vorkommen.“

Frauen spüren stärkere Belastung als Männer

Problematisch am Home-Office-Arbeiten sei andererseits, dass es bislang kaum Regelungen dafür gebe, was beispielsweise Arbeits- und Ruhezeiten betrifft. Den festen Feierabend gibt es dort nicht. In einigen Branchen wie dem produzierenden Gewerbe ist es zudem überhaupt nicht möglich und somit irrelevant. „Außerdem möchte auch nicht jeder von zu Hause aus arbeiten, etwa weil ihm der Kontakt zu den Kollegen fehlt oder schlicht der Platz zum Arbeiten“, meint Weusthoff.

Die Sonderstudie zeigt weitere Negativaspekte für Frauen: Mehr als die Hälfte sagte, dass die Arbeitsmenge im Zuge der Digitalisierung größer geworden sei. Über mehr Überwachung und Kontrolle klagten 47 Prozent, über verstärktes Multitasking 59 Prozent. Die Mehrheit der Frauen berichtet somit von einer Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen. Nur ein sehr kleiner Teil sieht in den Bereichen „Arbeitsmenge“ (sieben Prozent), „Überwachung und Kontrolle“ (drei Prozent) und „Multitasking“ (fünf Prozent) Verbesserungen.

Außerdem führt digitales Arbeiten bei Frauen (52 Prozent) etwas häufiger zu einer höheren Arbeitsbelastung als bei Männern (47 Prozent). Die knappe Mehrheit der Frauen fühlt sich digitalen Techniken oft „ausgeliefert“, was von den Männern weniger (43 Prozent) meinten. Einen Grund sehen die Studienautoren darin, dass 69 Prozent der Frauen angaben, einen Einfluss auf den Einsatz digitaler Techniken zu haben. Von den Männern sagten das 79 Prozent, also deutlich mehr. Nach Meinung des DGB würden mehr Selbstbestimmung und Mitsprache die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöhen.

Geringqualifizierte brauchen mehr Weiterbildungen

Einen noch ausgeprägteren Unterschied zwischen Frauen und Männern gab es bei Beschäftigten ohne Berufsabschluss: Nur 32 Prozent der gering qualifizierten Frauen, aber 58 Prozent der geringqualifizierten Männer in Vollzeit arbeiten mit den neuen Technologien. „Diesen Frauen müssen mehr betriebliche Weiterbildungen angeboten werden“, sagte Weusthoff. „Sonst werden sie im Zuge der fortlaufenden Digitalisierung abgehängt.“

Nach Ansicht von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) könnten Frauen trotz allem die Gewinner des digitalen Wandels sein. Sie spricht sich in ihrem Weißbuch für ein Recht auf Home-Office aus. Außerdem schlägt sie ein „Wahlarbeitszeitgesetz“ vor, das den Beschäftigten mehr Optionen bei Arbeitszeit und -ort schaffen soll. In einer zweijährigen Probephase sollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in großen und kleinen Unternehmen verschiedene Alternativen zum Acht-Stunden-Tag vereinbaren und austesten. Möglich wären etwa Pausen zur Kinderbetreuung, Home-Office am Abend oder ein Arbeitsende jenseits der gesetzlichen Regelung. Nahles vertraue da auf die Frauen. Wäre das doch vor allem in ihrem Interesse.

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