Wirtschaft : Friedrich Loos

(Geb. 1951)||Ein Hochbegabter, der sein Herz an die S-Bahn verlor.

Sarah Schmidt

Ein Hochbegabter, der sein Herz an die S-Bahn verlor. Fritz Loos war ein Hochbegabter, doch zur Zeit seiner Kindheit gab es noch keine Förderprogramme für seinesgleichen. Er übersprang eine Klasse am altsprachlichen Gymnasium – und blieb unterfordert. Es fand sich ein Lehrer, der ihm Spanisch beibrachte, einfach so, nur damit der Junge beschäftigt war. Die Schulkameraden behandelten ihn als das, was er war: als Außenseiter. Und Fritz begann zu stottern. Als er erwachsen wurde, legte es sich, doch in den letzten Lebensjahren kam das Stottern zurück. Wie ein alter Bekannter.

Mit 17 machte er Abitur, mit 18 heiratete er. Kurz darauf zog er mit seiner Frau nach Berlin, um an der FU Altamerikanistik zu studieren. Ein seltener peruanischer Dialekt hatte es ihm besonders angetan. Damals machte er eine der wenigen Reisen seines Lebens, sechs Monate Peru zum Forschen. Lieber verreiste er aber im Geiste, indem er weitere Sprachen lernte. Norwegisch, Latein, Serbo-Kroatisch, Isländisch, Zulu, das sind nur einige davon.

Die Ehe ging in die Brüche, Fritz brach das Studium ab und jobbte als Wagenreiniger bei der S-Bahn. An die verlor er sein Herz, und blieb ihr zeitlebens treu. Er machte eine Ausbildung zum S-Bahnfahrer. Auch die zweite Ehe ging schnell kaputt, doch die Stieftochter Anke blieb bei ihm. Nun wollte er sich auch beruflich noch einmal verändern: Er begann ein Studium zum Bibliothekar.

Die Ausbildung schloss er ab – doch Bibliothekar wurde er nicht. Er blieb fleißiger Ausleiher. Nur die Abgabefristen, um die scherte er sich nicht. So trug er mit dem Begleichen seiner Mahngebühren wohl einiges zum Bestand diverser Bibliotheken bei.

Er kehrte zur S-Bahn zurück und fuhr nun wieder im Schichtdienst durch die Stadt. Für die Gewerkschaft engagierte er sich sehr. Bei der Eröffnung einer neuen S-Bahnstrecke war seine Hand kurz im Regionalfernsehen zu sehen. Viele Freunde haben sie erkannt.

In seiner freien Zeit lernte er weitere Sprachen, er half, einen chinesischen Schachclub zu gründen. Und er suchte den Weg zurück in die katholische Kirche. Aus der war er vor Jahren ausgetreten. Nach einer Generalbeichte nahmen sie ihn wieder auf. Er betete jetzt jeden Tag sechsmal das Brevier. Eine Zeit lang tat er das gleich in drei Sprachen.

Mit den Jahren legte er sich eine stattliche theologische Bibliothek zu und diskutierte mit großer Leidenschaft theologische Fragen. Die Werke der Kirchenväter las er selbstverständlich in der Originalsprache. Einer evangelischen Pfarrerin, die zu den Katholiken übertrat, brachte er anhand der alten Bücher Latein bei.

Doch mit den Jahren geriet sein Leben aus den Fugen. Er kam immer weniger mit dem Alltag zurecht. Übergab Freunden seine Finanzangelegenheiten, ließ kaum jemanden in seine Wohnung und hatte selbst immer öfter Angst, sie zu verlassen. Beim Essen verlor er jedes Maß. Und geriet völlig aus den Fugen. Seit 2003 war er arbeitsunfähig und kämpfte von nun an um seine Rente.

Die Knie konnten das Gewicht immer schlechter tragen, oft konnte er nur mit Krücken laufen. Wegen der Atemaussetzer musste er mit Atemmaske und in aufrechter Position schlafen. Das war unangenehm, doch wegen so profaner Probleme änderte er doch seine Gewohnheiten nicht.

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