Fruit Logistica : 50 Köpfe Salat für eine Schachtel Zigaretten

Die Verbraucher kaufen nicht nur zu wenig Obst und Gemüse, nach Meinung der deutschen Obst- und Gemüsehändler müssen sie für die Produkte auch zu wenig bezahlen. Es habe 2009 zwölf Preissenkungen gegeben, sagte Thomas Bittel, Vizepräsident des Deutschen Fruchthandelsverbandes bei der Eröffnung der Fruit Logistica.

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Messe unterm Fruchtturm. Aussteller aus 71 Ländern sind zu Gast in Berlin. -Foto: dpa

Berlin - Zum Auftakt der weltgrößten Obst- und Gemüsemesse Fruit Logistica 2010 in Berlin wird der Verbraucher mit seinem schlechten Gewissen konfrontiert: 68,7 Kilogramm frisches Obst und Gemüse hat jeder Deutsche nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im vergangenen Jahr verspeist, dabei am liebsten Äpfel, Bananen und Orangen sowie Tomaten, Karotten und Gurken. Das klingt nach viel Gemüse und Obst, im Schnitt sind es pro Tag und Bürger aber nur rund 200 Gramm, und das reicht nach Meinung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) nicht annähernd: Die Ernährungsexperten empfehlen, täglich 400 Gramm Gemüse und 250 Gramm Obst zu essen.

Die Verbraucher kaufen nicht nur zu wenig Obst und Gemüse, nach Meinung der deutschen Obst- und Gemüsehändler müssen sie für die Produkte auch zu wenig bezahlen. „Im vergangenen Jahr hat es eine wahre Preisschlacht mit insgesamt zwölf Preissenkungsrunden gegeben“, sagte Thomas Bittel, Vizepräsident des Deutschen Fruchthandelsverbandes bei der Eröffnung der Fruit Logistica, auf der 2300 Aussteller aus 71 Ländern vertreten sind. Der Preiskampf gefährde langfristig die Produktion in Deutschland und damit auch die Qualität der Waren. „Wenn 50 Kopf Salat an der Kasse im Lebensmitteleinzelhandel genau so viel kosten wie eine Schachtel Zigaretten, muss jedem klar werden, dass hier etwas nicht stimmt“, sagte Bittel. Viele Obst- und Gemüseproduzenten stünden kurz vor dem Aus, weil keine marktgerechten Preise mehr zu erzielen seien. Je nach Produkt müssten die Erzeugerpreise um fünf bis 15 Prozent steigen, sagte Bittel. Nach Angaben des Branchenmagazins Fruchthandel gaben Verbraucher in den 60er Jahren noch 40 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, heute sind es nur elf Prozent. „In keinem europäischen Land werden Lebensmittel so billig angeboten wie in Deutschland“, sagte Bittel. Im neuen Jahr haben die Discounter bereits zum zweiten Mal die Preise gesenkt.

Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie forderte, den „ruinösen“ Preiswettbewerb unverzüglich zu beenden. Verbraucherschützer sehen die Preissenkungen ebenfalls kritisch: „Natürlich ist es erfreulich für die Verbraucher, wenn die Preise sinken. Wir weisen aber auch darauf hin, dass bei den Preissenkungsorgien mittel- und langfristig Qualität und Sicherheit der Lebensmittel leiden können“, sagte Christoph Römer, Referent für Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Berlin.

Dennoch scheint die Branche gut durch die Krise gekommen zu sein. 2008 erwirtschafteten die 2350 deutschen Fruchthandelsunternehmen nach Schätzungen der Agrarmarkt-Informations-GmbH einen Umsatz von 19 Milliarden Euro, für 2009 wird mit einem ähnlichen Niveau gerechnet. Die Verbraucher scheinen dem Ratschlag der Ernährungsexperten trotzdem nicht zu folgen. Sie kauften im vergangenen Jahr nach Angaben der Gfk-Marktforscher rund ein Prozent weniger Obst und 0,3 Prozent weniger Gemüse als 2008. Jahel Mielke

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