Führungswechsel : Schwerer Abschied bei Infineon

Infineon muss Peter Bauer ersetzen – und verhält sich dabei so vorbildlich wie der erkrankte Chef.

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Gibt seinen Posten im Herbst auf: Peter Bauer.
Gibt seinen Posten im Herbst auf: Peter Bauer.Foto: dapd

Berlin - Im Sommer vor vier Jahren stand Infineon vor dem Abgrund. Nach einem Jahrzehnt der Skandale und Verluste drohten Anleiheschulden den Münchener Halbleiterkonzern zu erdrücken. Dann kam Peter Bauer und brachte die ehemalige Siemens-Tochter wieder auf Kurs. Er richtete den Konzern auf die Kerngebiete Energie-, Industrie- und Sicherheitstechnik aus. Mit Erfolg: Infineon schrieb über mehrere Jahre schwarze Zahlen, der Verkauf der Mobilfunksparte an den US-Chipkonzern Intel brachte zusätzliche Erlöse. Unabhängig von der Chipindustrie gab es zuletzt operative Renditen um die 15 Prozent.

Kein Wunder, dass der 51-jährige Manager seinen am späten Sonntagabend angekündigten Rückzug emotional kommentiert. „Die Entscheidung fällt mir sehr schwer. Infineon mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist mir in den vielen, so ereignisreichen Jahren sehr ans Herz gewachsen.“ Doch eine andere Möglichkeit gab es nicht – Bauer leidet an der Knochenschwundkrankheit Osteoporose, brach sich bereits mehrere Rückenwirbel. Eine Stelle als vielfliegender Topmanager kann er auf Dauer nicht ausüben. „Wegen des ungewissen Verlaufes meiner Krankheit“ und aus „Verantwortung gegenüber meiner Gesundheit, meiner Familie und gegenüber dem Unternehmen“ habe er sich zu diesem Schritt durchgerungen, sagte er.

Für Infineon hätte der unerwartete Wechsel eine Hiobsbotschaft sein können. Verblüffte Kunden könnten mit neuen Aufträgen zögern, Investoren könnten sich Sorgen um ihr Geld machen. Als Steve Jobs im vergangenen Jahr seinen Rückzug von der Spitze des Technologiekonzerns Apple bekannt geben musste, verlor Apple mit einem Schlag 14 Milliarden Euro seines Börsenwerts. Ein Manager, der ein Unternehmen in einer existenziellen Krise übernimmt, mit neuer Strategie und innovativen Ideen die Wende schafft und dann, mitten im aufsteigenden Erfolg, aufgeben muss. Die Situation ist – wenn auch nicht in ihrer Dimension – vergleichbar. Doch die Konzernführung und der Aufsichtsrat bei Infineon haben sich auf diese Situation vorbereitet. Gleichzeitig mit der Rücktrittsankündigung präsentiert das Unternehmen mit Reinhard Ploss einen Nachfolger aus dem eigenen Haus. Der bisherige Produktionsvorstand gilt als enger Verbündeter des scheidenden Vorstandschefs und soll im Oktober übernehmen. Unternehmensberater bewerten das Handeln Bauers und des Unternehmens als hervorragend und professionell. Gestützt wird das positive Bild durch die Reaktionen von der Börse. „Für Investoren ist Ploss kein Unbekannter, der Kapitalmarkt kennt ihn von Roadshows und Analystentagen“, kommentierte Analyst Günther Hollfelder von der Baader Bank die Personalie. „Ich glaube, dass er die Ausrichtung und die Strategie erfolgreich fortsetzen kann.“ Das Papier des im Dax gelisteten Unternehmens büßte am Montag zwar gut drei Prozent ein, zählte damit aber nicht zu den größten Verlierern.

Für den Unternehmensberater Olaf Juergens aus Birmingham ist ein solch geräuschloser Übergang keinesfalls selbstverständlich. Zwar sei die Nachfolgeplanung eine zentrale Aufgabe von Aufsichtsräten, von denen die meisten „dieser Arbeit sehr professionell und verantwortungsbewusst“ nachgingen. Doch nicht zuletzt komme es darauf an, wie der Erkrankte mit der Situation umgehe. „Topmanager sind keine anderen Menschen. Sie reagieren genauso individuell auf schwere Erkrankungen wie jeder andere.“ Transparenz innerhalb des Unternehmens, gegenüber dem Vorstandskollegen sei in einem solchen Fall ganz wichtig. Letztlich bestehe die Kunst darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um den Vorstand oder den Aufsichtsrat zu informieren. „Es ist eine persönliche Entscheidung des Managers, und er befindet sich in einer rechtlichen Grauzone: Mit Gesundheit kann man offensiv umgehen. Man muss aber nicht über Krankheit Auskunft geben.“ mit rtr

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