Wirtschaft : Fusion von Krupp und Thyssen auf gutem Weg

Nach Personalfrage auch andere Kernpunkte geklärt / Kriwitt soll Aufsichtsratsvorsitzender des neuen Konzerns werden

DÜSSELDORF (kv/HB).Die Chancen, daß die Fusion der beiden Traditionskonzerne Thyssen AG, Düsseldorf, und Fried.Krupp AG Hoesch-Krupp, Essen, gelingt, stehen nunmehr gut.Endlich ist nach zermürbenden Verhandlungen in den letzten beiden Monaten mit der Klärung der Personalfrage der Durchbruch gelungen.Das neue Unternehmen mit rund 65 Mrd.DM Umsatz und 180 000 Mitarbeitern wird vom jetzigen Krupp-Chef Gerhard Cromme und vom Vorstandsvorsitzenden der Thyssen Krupp Stahl GmbH, Ekkehard Schulz, geführt. Da das Aktiengesetz keine zwei Vorstandsvorsitzenden vorsieht, wird der Titel der beiden Männer, die die Doppelspitze bilden, voraussichtlich "Vorstandssprecher" lauten.Beide erhalten klar definierte Aufgabenbereiche, wobei Schulz beim Stahl und bei den stahlnahen Bereichen und Cromme beim großen Rest das Sagen haben wird.Einigkeit herrscht dem Vernehmen nach auch darüber, daß der frühere Thyssen-Chef Heinz Kriwitt Aufsichtsratsvorsitzender wird.Für den jetzigen Thyssen-Vorstandsvorsitzenden Dieter H.Vogel bleibt damit kein Platz mehr. Insbesondere die Frage nach dem neuen Vorstandsvorsitzenden hatte die Verhandlungen über die Fusion ins Stocken gebracht.Sowohl Cromme als auch Vogel waren - je nach Interessenlage - als geeignete Kandidaten gehandelt worden.Die Ankündigung der Staatsanwaltschaft Berlin, Anklage gegen Vogel wegen Untreue im Zusammenhang mit der Abwicklung eines ehemaligen DDR-Unternehmens zu erheben, hatte die Gespräche zusätzlich belastet.Vogel läßt nun mitteilen, daß er, "um den Fusionsvorgang voranzubringen und nicht länger mit der Personaldebatte zu belasten, ...die Spitzenposition nicht für sich beanspruche". Aus zuverlässigen Quellen ist zu hören, daß man sich nun auch in den anderen bisher offenen Fragen weitgehend geeinigt habe: Bei der Durchführung der Fusion besteht Thyssen nicht mehr auf einer Übernahme.Die einmaligen Grunderwerbssteuern bei einer Verschmelzung bewegen sich nach neuen Erkenntnissen bei weniger als 100 Mill.DM und nicht bei 200 bis 300 Mill.DM, wie befürchtet.Das sei eine Summe, die angesichts voraussichtlicher Synergieeffekte von jährlich 500 bis 550 Mill.DM zu verschmerzen sei, so die Argumentation.Durch die Verschmelzung entgeht Krupp dem Makel eines "Übernommenen".Die Aktionäre der beiden Unternehmen werden im Rahmen der Verschmelzung und der Entstehung einer neuen Gesellschaft Aktien dieser Neugründung im Tausch gegen ihre jetzigen Papiere erhalten. Bei der Berwertung wird man sich zunächst auf einen "Korridor" einigen, im Rahmen dessen den Vorstellungen beider Unternehmen Rechnung getragen wird.Der Wert wird zwischen den Verhältnissen 60 : 40 und 70 : 30 zugunsten Thyssens liegen.Für die endgültige Feststellung werden die Wirtschaftsprüfer noch einige Monate benötigen.Immerhin sind so schwierige Fragen zu beurteilen wie etwa die Zukunftsaussichten des Transrapid oder der Werften (Thyssen) und des verlustträchtigen Baumaschinenunternehmens O & K Orenstein & Koppel (Krupp). Im Sommer soll das endgültige Konzept stehen, so daß die Fusion dann auf einer Hauptversammlung im Herbst beschlossen werden kann.Bereits zu den Aufsichtsratssitzungen von Thyssen am 22.Januar und von Krupp am 5.Februar werden Schulz und Cromme ein "gemeinsames industrielles Konzept für eine fusionierte Gesellschaft Thyssen-Krupp" vorlegen.Bei Akzeptanz dieses Konzeptes - so heißt es offiziell - werden die Vorstände anschließend gebeten, den endgültigen Abschluß des Fusionsvorhabens vorzubereiten. In Börsenkreisen werden keine größeren Widerstände von Aktionärsseite gegen den Zusammenschluß erwartet.Die Börse reagierte am Freitag teilweise verstimmt.Thyssen, das erst nach Xetra-Schluß mit der entsprechenden Ad-hoc-Meldung kam, fiel auf 373,10 (minus 11,40 DM) zurück.Krupp gab um 1,50 DM auf 327,50 nach. Auch mit der Arbeitnehmerseite dürfte ein Kompromiß gelingen.Die Lösung in der Frage der Mitbestimmung dürfte in einer Regelung zu finden sein, die sich der Montan-Mitbestimmung sehr stark nähert, ohne ihr voll zu entsprechen.In entsprechende Gespräche ist IG-Metall-Chef Klaus Zwickel eingeschaltet.In dieser "Zwickel-Runde" soll eine politische Lösung gefunden werden, die auch berücksichtigt, daß vor dem Bundesverfassungsgericht noch eine Klage der Mannesmann AG anhängig ist.Das oberste deutsche Gericht soll prüfen, ob in der Mannesmann-Holding, die eine ähnliche Struktur hat, wie die künftige Thyssen-Krupp-Gesellschaft, die Montan-Mitbestimmung anwendbar ist.

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