Gamescom : Mehr als ein Spiel

Europas größte Computerspielemesse Gamescom ist eröffnet. Noch dominieren Konsolen den Markt. Branchenexperten sagen voraus, dass Onlinespiele weiter kräftig wachsen werden.

David C. Lerch
Feuer frei. Die Computerspielmesse in Köln hat begonnen.
Feuer frei. Die Computerspielmesse in Köln hat begonnen.Foto: dpa

In Halle 6 herrscht kalter Krieg. In einem verdunkelten Raum führen Programmierer das neu entwickelte Level des umstrittenen Computerspiels „Call of Duty“ auf großer Leinwand vor, ein Kampf der „guten“ Amerikaner gegen die „bösen“ Russen. Während die Experten schießen, schauen die Fans zu, jeweils 60 pro Vorführung. Vor dem Raum bilden sich lange Schlangen, das Spiel gehört zu den Klassikern der Spieleindustrie. „Manche Besucher warten bis zu drei Stunden, um das neueste Level zu sehen“, sagt Sebastian Siep, einer der angeheuerten Helfer, die in Armeehosen die Besuchermassen betreuen. Im wirklichen Leben arbeitet der gelernte Ingenieur an der Fachhochschule Köln.

Noch bis Sonntag tauchen Siep und zahlreiche andere in virtuelle Welten ein, denn bis dahin dauert die Gamescom, Europas größte Messe für Computer- und Videospiele. Am Mittwoch öffnete die Veranstaltung für Fachbesucher, vom heutigen Donnerstag an ist sie für alle zugänglich. Erst zum zweiten Mal gastiert die Gamescom in Köln. Bis 2008 unterstützte der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (Biu) als maßgeblicher Veranstalter die Leipziger Spielemesse Games Convention, die es zwar weiterhin gibt, aber in weitaus kleinerem Rahmen. In diesem Jahr präsentieren sich 505 Aussteller auf der Gamescom, im Vorjahr waren es 458. Die Kölner Messegesellschaft rechnet mit mehr als 245 000 Besuchern, so viel waren es 2009. Rund 200 neue Spiele werden dieses Mal gezeigt.

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Dabei vollzieht sich hinter den Kulissen ein tiefgreifender Wandel. Immer mehr Spieler verzichten auf die klassische Konsole oder das Computerspiel aus dem Handel und spielen stattdessen direkt im Internet, wo sie häufig zumindest zu Beginn nichts zahlen müssen. Diese Entwicklung zeigte sich im Krisenjahr 2009: Während die gesamte Branche in Deutschland den ersten Umsatzrückgang seit sieben Jahren verzeichnete (um 2,4 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro), legten Onlinespiele und Angebote für das Handy zu. Für das laufende Jahr rechnen die Marktforscher von Pricewaterhouse Coopers mit einem Boom bei den Online- Spielen. Für die gesamte Branche sagen sie nur ein minimales Plus von 0,4 Prozent voraus.

Noch beherrschen die großen Firmen mit kostspieligen Konsolen die Branche. Auf der Gamescom zeigen Microsoft und Sony die neuen Bewegungssteuerungen, die den klassischen Controller überflüssig machen sollen. Die „Kinect“ für Microsofts X-Box 360 und „Move“ für Sonys Playstation reagieren auf Gesten, wie es „Wii“ von Nintendo vorgemacht hat.

Doch die Konkurrenz wächst. „Heute ist praktisch jedes Spiel online“, sagt Olaf Wolters vom Biu. Auch die klassischen Spiele hätten ihren Weg ins Netz gefunden, etwa in Form von kostenlosen Werbeversionen.

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Die Deutschen profitieren von dieser Entwicklung. Denn während die Hardware zum Spielen fast gänzlich aus dem Ausland kommt, hat sich bei Spieleentwicklern hierzulande inzwischen eine lebendige Szene entwickelt. Nach Angaben von Bitkom gibt es etwa 500 Firmen und mehrere tausend selbstständige Programmierer. Die meisten von ihnen tummeln sich im Internet. Auf der Gamescom ist davon nur wenig zu spüren. Lediglich in Halle 9 findet der Besucher die „Online- World“, in der auch die erfolgreichen deutschen Unternehmen Gameforge und Bigpoint vertreten sind. „Die diesjährige Gamescom setzt immer noch sehr stark auf Konsole und PC“, kritisiert Martin Fabel von der Unternehmensberatung AT Kearney. Dadurch würden Onlinespiele vernachlässigt. In Zukunft, fordert Fabel, müsse der Fokus stärker auf die neuen Segmente gerichtet werden.

Das käme auch zahlreichen Berliner Anbietern zugute, etwa dem Unternehmen Sponsor Pay aus Mitte. Dabei profitieren die Berliner von der Gratiskultur im Netz: Die meisten Onlinespiele bieten ihren Kunden kostenpflichtige Zusatzangebote, die sie in den jeweiligen Spielen voranbringen. Aber nur etwa 15 Prozent der Nutzer bezahlen. „Der Rest spielt nur die kostenlosen Versionen“, erklärt Nicolas Dittbrenner von Sponsor Pay. Das Unternehmen hat einen Weg gefunden, wie auch diese Spieler Erlöse bringen. Die Nutzer können an Meinungsumfragen teilnehmen, sich mit ihren Daten für Newsletter registrieren oder etwa eine Antivirensoftware erwerben. Im Gegenzug finanzieren die Unternehmen, die die Daten erhalten, den sonst direkt kostenpflichtigen Fortschritt des Spielers im Computerspiel.

Doch auf der Gamescom werden nicht nur neue Spiele und Geschäftsmodelle präsentiert. Prominent vertreten ist etwa die Initiative „Spielen verbindet“, die der Biu angestoßen hat. Sie soll Eltern von spielenden Kindern erreichen. Auf einer Internetseite finden sie Informationen zu beliebten Spielen und pädagogische Ratschläge, die auf Nachfrage von zahlreichen Eltern mit dem Deutschen Kinderschutzbund entwickelt wurden.

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