Gasmarkt : "Kleinstaaterei" verhindert sinkende Preise

Die Politik will mehr Wettbewerb und öffnet zum 1. Oktober den Gasmarkt. Aber faktisch bleibt alles beim Alten, weil sich Deutschland "Kleinstaaterei" leistet, die die etablierten Konzerne bevorteilt.

München - Der erste Oktober sollte für Gaskunden eigentlich zum Freudentag werden. Nun wird er für Hunderttausende zum Ärgernis: Große Anbieter wie Eon-Ruhrgas oder die Stadtwerke München erhöhen zum Sonntag ihre Preise. Auf viele Familien kommt damit eine Zusatzlast von über sieben Euro im Monat zu. Die neue Preisrunde hat einen besonders bitteren Beigeschmack. Denn am Sonntag ist auch der Start des liberalisierten deutschen Gasmarkts, alte Monopolstellungen sollen nach Jahrzehnten aufgebrochen werden und die Preise durch mehr Wettbewerb sinken. Doch der Weg dorthin scheint noch unabschätzbar weit.

Nuon Deutschland ist eigentlich angetreten, um den deutschen Markt aufzumischen. Doch ehrlich betrachtet ist das Tochterunternehmen des niederländischen Konzerns nv Nuon derzeit nur ein unbedeutender regionaler Gasanbieter. In Berlin bekommen ab nächster Woche etwas mehr als 3000 Haushalte ihr Gas von Nuon, in Hamburg sind es gute 2000. In beiden Städten liegt der Marktanteil damit unter einem Prozent. Diese gut 5000 Haushalte sind im Prinzip alles, was der liberalisierte Gasmarkt in Deutschland bislang an neuem Wettbewerb bewirkt hat: Denn neben Nuon bewirbt sich nur die Firma Klickgas neu um Kunden, und die gehört zum etablierten Eon-Konzern.

"Überhaupt nicht zufriedenstellend" sei die Situation für das Unternehmen, heißt es bei Nuon. Dabei haben deren Beschäftigte gegenüber ihren potenziellen Konkurrenten immerhin schon mal einen entscheidenden Vorteil: Sie können arbeiten und auf dem Markt erste Erfahrungen sammeln. Ganz anders sieht es bei FlexGas aus. Dort bestehen die Strukturen als Gasanbieter bislang fast ausschließlich auf dem Papier, richtig aktiv ist bislang vor allem die Marketingabteilung. Die hat ein Motto entworfen, das die Kunden in großen Zahlen anzulocken verspricht: Mindestens fünf Prozent billiger als der bisherige Gasanbieter werde FlexGas beim Abschluss eines Neuvertrags sein. In ganz Deutschland gibt es dennoch keinen einzigen Gashahn, den die in Berlin angesiedelte Firma beliefern kann.

Dickicht auf dem deutschen Gasmarkt

Die geringe Verbreitung von Nuon, das sein Gas nur in Hamburg und Berlin verkaufen kann und der Wartezustand von FlexGas liegen am kaum durchschaubaren Dickicht des deutschen Gasmarkts. In allen Bundesländern gibt es viele verschiedene Gasunternehmen, die über eigene Netze verfügen. Und genau diese Netze der bereits lange etablierten Unternehmen benötigen auch die neuen Anbieter, um zu ihren Kunden zu kommen.

Die Liberalisierung gibt dazu zwei Wege. Der eine ist das Exit-Entry-Modell. Ein neuer Gasanbieter leitet sein Gas an einer Stelle ein, an anderer Stelle kommt es beim Kunden raus. Dieses sehr einfache Modell funktioniert bislang nur in Ausnahmefällen wie etwa in Berlin und Hamburg. Dort konnte Nuon mit den städtischen Anbietern Verträge für die Nutzung der Leitungen schließen und so selbst auf den Markt gehen.

Markt teilt sich in 19 Gebiete

Das zweite Modell ist das Optionsmodell. Damit kann ein Unternehmen theoretisch auch in ganz Deutschland Gas liefern. Das Problem: Der Markt teilt sich in 19 Gebiete, für die jeweils neue Verträge ausgehandelt werden müssen. Das sei "Kleinstaaterei, schlimmer als vor dem 30-jährigen Krieg", heißt es bei Nuon. FlexGas nennt es unrealistisch, unter diesen Bedingungnen in den Wettbewerb einzusteigen. In den kommenden Monaten wollen Nuon und Flexgas darauf drängen, dass es wie beim Strom auch beim Gas einen einheitlichen Markt gibt. Immerhin findet auch die Bundesnetzagentur die 19 Gebiete zu viel. Offen sei aber, bis wann sich diese Zahl wirklich verringern lasse.

Für die Verbraucher könnte die Liberalisierung dennoch bald Vorteile bringen, sagt Marian Rappl, Sprecher des Bundesverbands der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft. Denn auch für die Unternehmen sind die Marktbedingungen liberaler geworden, sie können nun günstiger wirtschaften und die Einsparungen an ihre Kunden weitergeben. "Die Firmen sind da schon eifrig dabei." Die nun aktuelle Preiserhöhung würde sich dadurch allerdings nicht verhindern lassen: Sie hängt laut Rappl allein an den deutlich gewachsenen Preisen beim Gaseinkauf, die die Unternehmen nun von ihren Kunden wiederholen wollen. (tso/AFP)

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