Wirtschaft : Gates googelt

Der Microsoft-Gründer gibt sich als milder Wohltäter – doch der Erfolg von Google macht ihn aggressiv

Alan Murray

Man sollte sich durch all das Gerede über Weltgesundheit und Schulbildung nicht täuschen lassen. Bill Gates, dem Gründer von Microsoft, geht es immer noch und vor allem darum, die Konkurrenz vernichtend zu schlagen. Jetzt hat er es auf die Suchmaschine Google abgesehen.

„Wissen Sie, Google ist immer noch perfekt“, sagte er Vertretern der Technologiebranche, die an der vom „Wall Street Journal“ zum dritten Mal veranstalteten D-Konferenz teilnahmen, die jährlich stattfindet und sich mit allen Themen rund um die Digitalisierung befasst. „Die Seifenblase ist noch nicht geplatzt. Google kann alles. Kaufen Sie Aktien zu jedem Preis“, stichelt Gates.

Der reichste Mann der Welt sagt das mit trockener Ironie, die den GoogleWahn lächerlich macht, aber auch zeigt, dass ihn der Erfolg des Suchmaschinenbetreibers wurmt. Der Steilflug der Google-Aktie, deren Kurs am Freitag bei 266 Dollar an der US-Technologiebörse Nasdaq lag, mag übertrieben sein. Doch Bill Gates nimmt den Konkurrenten offensichtlich trotzdem sehr ernst. „Auch wir hatten eine solche Phase von zehn Jahren“, sagt er und will damit Googles derzeitigen Stand in der Computerwelt mit dem von Microsoft in den Jahren 1986 bis 1996 vergleichen.

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, macht Bill Gates Reklame für den neuen Landkartenservice der Microsoft-Tochter MSN, „Virtual Earth“, der noch in diesem Sommer vollständig zur Verfügung stehen soll. Durch Luftaufnahmen und Satellitenbilder soll die Suche nach detaillierten Informationen über bestimmte Regionen und deren Lokalitäten im Web verbessert werden. Der Service ähnelt auffällig dem Kartenservice des von Google übernommenen „Keyhole“.

Gates unterstreicht, dass der Service über eine Funktion verfügen soll, die den Benutzern erlaubt, die Bilder-Datenbank mit eigenen Infos zu ergänzen – einen fast identischen Service hatte Google eine Woche zuvor vorgestellt. Und er weist auf ein neues Instrument hin, mit dem man Dateien auf seinem Computer durchsuchen kann – ein weiterer Schlag gegen Google.

Bill Gates fürchtet, dass die allgegenwärtige Suchmaschine Google für alle Nutzer das Portal zur digitalen Welt werden könnte – eine Rolle, die er sich eigentlich für Microsofts Betriebssystem Windows ausgedacht hatte. Suchmaschinen bieten einen eleganten Einstieg ins Internet – denn warum sollte man sich auf irgendeine Internetseite begeben, bevor man nicht weiß, was man sucht? Und Google hat bewiesen, dass dies ein lukratives Geschäft ist, bei dem sich Werbung geschickt mit den speziellen Interessen der Kunden verknüpfen lässt. Also ist Microsoft fest entschlossen, auf diesem Sektor mitzuspielen. „Alles, was mit Suche im Internet zu tun hat“, sagt Gates, „werden wir anpacken.“

Das größte Gelächter gab es auf der „WallStreetJournal“-Konferenz, als Gates und Google-Geschäftsführer Eric Schmidt für ein Computerquiz gemeinsam auf der Bühne erschienen – mit T-Shirts, auf denen „Eine Mannschaft“ stand. In einer Mannschaft spielen die beiden ganz bestimmt nicht.

Eric Schmidt findet Gates’ Besessenheit und den Umstand, dass die Medien von den Konkurrenzkämpfen in der Branche fasziniert sind, mehr als nur ärgerlich. „Kommen Sie, das ist verrückt“, sagt er. „Google ist ein Teil der Informationsbranche. Diese Branche ist sehr groß und Google ist nur ein kleiner Teil von ihr.“ Außerdem sei das alles „kein Nullsummenspiel“. Wohl wahr. Eric Schmidt, der für die Unternehmen Sun Microsystems und Novell gearbeitet hat, weiß, was es heißt, im Zentrum der Aufmerksamkeit von Bill Gates zu stehen. „Das ist die Norm“, sagt er schulterzuckend. Aber das heiße nicht, dass er das gleiche Spiel wie der Microsoft-Gründer spielen müsse. „Google ist nicht Microsoft und ich bin nicht Bill Gates.“

Wie John D. Rockefeller ein Jahrhundert zuvor hat Bill Gates seinen enormen Reichtum für gute Zwecke eingesetzt. Doch anders als Rockefeller kann er die Hatz seiner Konkurrenten nicht aufgeben. In dem heutigen Gewinner Gates steckt immer noch der alte Langweiler, der den coolen Typen aus seiner Schulklasse eins auswischen will.

Als Steve Jobs, Chef des Computerkonzerns Apple, auf der Konferenz sprach, stellte das Publikum nur harmlose, ehrfurchtsvolle Fragen, obwohl das Geschäft seines Unternehmens vom kurzlebigen Erfolg des winzigen Musik-Players iPod abhängt. Als Gates sprach, der Titan der Technologiebranche, war in fast jeder Frage Feindseligkeit herauszuhören. Bill Gates mag mit seinem Geld in der ganzen Welt Krankheiten heilen. Er mag das anpacken, was er das größte Problem in den USA nennt. Aber für die meisten Menschen ist er derselbe alte Bill, der vor Wut kocht, Ideen kopiert und den Wettbewerb erstickt.

Doch aus Gründen der Fairness muss man Gates ein paar Pluspunkte zugestehen. Die merkwürdigste Vorstellung auf der D-Konferenz war eine Parodie auf die High-School-Komödie „Napoleon Dynamite“, in der der schlappe Napoleon sich mit dem 50-Milliarden Dollar-Mann zusammentut, um sein Familienunternehmen zu retten. Auf der großen Leinwand sah Bill Gates so zerknittert aus wie damals, als er im Kartellrechtsstreit um sein Unternehmen im Zeugenstand saß. Doch tapfer hängt er sich – auf Rollerblades stehend – hinter Napoleons Fahrrad.

Vielleicht ist Bill Gates im Alter etwas umgänglicher geworden.

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