Wirtschaft : Geb. 1899

Rudolf Dörrier

Heinz Knobloch

Zweimal riskierte er sein Leben. Einmal aus Liebe zu seiner Frau und einmal aus Liebe zu seinem Bezirk.

Ja, über 103 Jahre war er alt, als er in einem Berliner Krankenhaus verschied. Er war nachts hingefallen, hatte sich nicht zum ersten Mal den Oberschenkel gebrochen und war nun zu schwach für eine Operation.

Pankow verdankt ihm viel. Er hat die Orts-Chronik begründet und das Heimatmuseum, das er ständig mit neuen Exponaten ergänzte: vorn hochherrschaftlich, hinten die Küche mit dem Dienstmädchenzimmer.

Zweimal riskierte er, ganz abgesehen vom Ersten Weltkrieg, sein Leben: Er ließ sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden, deren Leben er damit rettete, und er fotografierte trotz aller Verbote nach einem Luftangriff brennende Häuser in der Heynstraße.

Nach dem Kriege erlebten durch sein Wirken die Pankower Bibliotheken eine Auferstehung. Dörrier forschte, sammelte und schrieb zwei Bücher über Pankow, mit denen er wenig Glück hatte. 1949 erschien die „Kleine Chronik“, in der waren die Wahlergebnisse von 1946 exakt wiedergegeben, das durfte aber nicht sein: die SED an dritter Stelle. Und 1971 fand er keine Verleger für sein schließlich vom Rathaus als eine Art Privatdruck herausgegebenes Buch über Pankow und seine Geschichte. So sind die wenigen Originale antiquarische Kostbarkeiten geworden.

Das Pankower Rathaus ist 1903 eingeweiht worden. An der Fassade vier steinerne Figuren – Bürgertugenden, als da sind: die Arbeit, die Gerechtigkeit, die Bürgertreue und die Mildtätigkeit. Eine von ihnen wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges weggeschossen. Also fehlte den Pankowern fortan eine Tugend. Welche, wusste niemand genau zu sagen; Dörrier schrieb: „Nach dem Gesichtsausdruck haben wir die uns fehlende Tugend nie ermitteln können.“ Aus dem Braunschweigischen stammend, hatte er eine gehörige Portion Eulenspiegel in sich.

Und ein Schwejk war er auch. Vielleicht musste er deshalb erst 100 Jahre werden, um das Bundesverdienstkreuz zu bekommen. Jahr um Jahr hatte er verkündet, hundert würde er nicht werden; und dann saß er in seinem Museum im Lehnstuhl und hielt seine Dankrede. Ohne Manuskript.

Wir kannten uns über vierzig Jahre. Als Zugereistem haben mich seine Ausstellungen zum Pankower Bürger gemacht in diesem Kernort, den schon um 1400 die Landreiter von Karl IV. katalogisierten. Und hier wurden die Thermosflasche, der Film und das Fernsehen erfunden.

Rudolf Dörrier gab sein Wissen freizügig weiter. Er war der geborene Chronist und Bibliothekar, wusste stets guten Rat. Und als er, längst im Ruhestand, zu Hause saß, baute er sich ein mit Zeitungsbildern geklebtes Album der Berühmten seines Jahrgangs.

Von Zeit zu Zeit besuchte ich ihn gern. An seinen Wänden, wo noch Platz war, afrikanische Masken. Und so viele Bücher! Ich hörte ihm zu, wenn er von seinen jungen Jahren sprach. Er brauchte jemand zum Zuhören und ärgerte sich über sein Hörgerät.

Ich brachte stets eine Flasche Dornfelder mit, die wir nur mühevoll öffnen konnten, weil sein Korkenzieher uns nicht mochte. Rudolf Dörrier sollte jetzt, beim nächsten Treffen einen besseren bekommen. Wenn sein Mittagessen gebracht wurde, verabschiedete ich mich. Im Türrahmen stehend, sagte der Mann, der in drei Jahrhunderten gelebt hatte: „Es ist doch schön, schon am Vormittag Rotwein zu trinken.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben