Wirtschaft : Geb. 1912

Edgar Klein

Roman Heflik

Hausarbeiten, Müll rausbringen: Er bezahlte es seinen Kindern. Aber nur gegen eine ordentliche Abrechnung, versteht sich.

Wenn in seiner Firma mal die Grippe grassierte und die Leute zu Hause im Bett blieben, dann guckte Edgar Klein vorwurfsvoll und sagte: „So was kann man doch am Wochenende auskurieren.“ An ihm sollten sich seine 35 Angestellten ein Beispiel nehmen. Er, Edgar Klein, würde jedenfalls gesund bleiben und 100 Jahre alt werden.

Eisern sein für das Wohl des Betriebs, das war Kleins Devise. Er war einer von der alten Schule: Ordnung und Pünktlichkeit, darauf kommt es an im Leben. Tag für Tag schloss er die Türen seiner Firma „Edgar Klein Organisation“ auf, lange vor dem eigentlichen Arbeitsbeginn um acht. Und wenn seine Prokuristin nicht wie üblich schon um sieben Uhr 30 an ihrem Schreibtisch saß, sondern mal eine Viertelstunde später kam, stand der Chef schon in der Tür und begrüßte die Ankommende: „Mahlzeit“.

Dass er als unnahbar galt, konnte Edgar Klein hinnehmen. Er war eben einer, den man „eine Respektsperson“ nennt. Niemals wäre es einem seiner Mitarbeiter in den Sinn gekommen, Freunde oder Verwandte in die Firma mitzubringen, um ihnen zu zeigen, wie dort die Büromaschinen und Buchungssysteme hergestellt werden. Für Nähe und Vertraulichkeit war nicht viel Platz in der Welt des Chefs.

So hielt er es nicht nur in der Firma, sondern auch daheim mit Frau und Kindern. Bei offiziellen Anlässen konnte er liebenswürdig und charmant sein, aber den Sohn oder die Tochter mal in den Arm zu nehmen, das fiel ihm nicht so leicht. In der Freizeit sahen sie ihn selten anders als an seinem Schreibtisch sitzend, über den Wirtschaftsteil der Zeitung gebeugt. Von seiner Mutter, Tochter eines Polizeipräsidenten, hatte Klein nicht nur diese Ernsthaftigkeit sondern auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn geerbt. Hart, aber eben auch gerecht.

Er konnte und er wollte vielleicht auch nicht immer zeigen, dass er es doch gut meinte mit seinen Mitmenschen. Nie war er geizig, Spendenanfragen beantwortete er immer; vor allem, wenn es um Kinderdörfer ging, war er großzügig. Bildung ist wichtig, das war ihm immer klar. Sein Leben lang hat es ihn gewurmt, dass seine Eltern ihn vorzeitig vom Gymnasium nehmen mussten: Schule kostete Geld, der Junge musste arbeiten. Kleins Kinder und auch die Mitarbeiter sollten es besser haben: Wenn einer eine Weiterbildung machen wollte, unterschrieb Klein das Gesuch sofort. Selbstverständlich sollten seine Kinder studieren und ins Ausland gehen, um dort Praktika zu machen. Am besten was mit Wirtschaft, denn irgendwann sollten sie ja mal den Betrieb übernehmen.

Als Klein um die Hand seiner Tochter Karin angehalten wurde, war seine erste Frage an den künftigen Schwiegersohn, einen Studenten der Volkswirtschaft: „Kann ich damit rechnen, dass Sie in die Firma einsteigen?“ Sein Lebenssinn war der Sinn fürs Geschäftliche. Als kleiner Junge hatte er sein Taschengeld mit dem An- und Verkauf von Briefmarken verdient, erzählte er später stolz seinen Kindern.

Wegen seines Organisationstalents musste er den Krieg nicht im Schützengraben verbringen, sondern durfte als Zahlmeister hinter der Front bleiben. Sein feines Gespür für Angebot und Nachfrage half ihm dabei, auch die Zeit der Kriegsgefangenschaft recht komfortabel zu verbringen. Weil Dolmetscher gebraucht wurden, brachte er sich schnell selbst Englisch bei. Und als in den Nachkriegsjahren wieder die ersten Unternehmen gegründet wurden, da stand Edgar Klein schon bereit, die jungen Firmen mit seinen Abrechnungsmaschinen auszustatten.

Dass seinen Kinder eine entsprechende Erziehung widerfuhr, verstand sich da von selbst: Das Taschengeld musste verdient werden; Hausarbeiten, Müll rausbringen – alles hatte seinen Preis, für jede erfüllte Pflicht griff der Vater bereitwillig ins Portemonnaie. Aber nur gegen eine ordentliche Abrechnung, versteht sich.

Ein allerletztes Mal setzte sich sein Geschäftssinn durch, da war Klein schon fast achtzig Jahre alt. Vor längerer Zeit war er einem Verein für selbstbestimmtes Sterben beigetreten. Noch war er kerngesund. Aber die Vorstellung, einmal krank und gebrechlich zu sein, machte ihm Angst. Etwas dem Zufall überlassen, die Kontrolle über sich selbst verlieren, das ging ja nicht. Da gibt es doch Mittel und Wege. Aber dann rebellierte sein ökonomisches Bewusstsein: Die Vereinsbeiträge waren ihm zu hoch, der Nutzen fragwürdig. Also trat Edgar Klein wieder aus.

Mit dem Alter wurde der strenge Mann milder, aber so richtig aus sich herausgehen konnte er nicht mehr. Dass er auf seine Kinder, seine Enkel und Urenkel stolz war, hätte er ihnen niemals sagen können. Er blieb ihnen immer irgendwie fremd. Seit er in das Seniorenstift in Alt-Mariendorf eingezogen war, hatte es mehrmals so ausgesehen, als sei seine letzte Stunde angebrochen. Klein hatte tagelang nichts mehr gegessen, nichts mehr gesprochen. Nur um unvermittelt wieder die Augen aufzutun, seine Angehörigen um sich herum wahrzunehmen. Dann bemühte er sich, keine Schwäche zu zeigen, räusperte sich und fragte: „Is‘ was?“ Als er dann die Augen nicht mehr öffnete, waren alle überrascht.

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