Wirtschaft : Geb. 1913

Rosa Bibo

Anna Kröning

Ihr war unwohl, deshalb hat sie überlebt. Dabei ist auch sie oft genug einkaufen gegangen. Und hat dabei den gelben Stern mit der Hand verdeckt.

Das Kleid ist fertig. Rosa überprüft noch einmal alle Nähte. Sie streicht über den geblümten Seidenstoff und hängt es sorgfältig über die Schneiderpuppe. Bevor sie es anzieht, wird sie es noch bügeln müssen. Rosa tritt vor den Spiegel und macht ein paar Tanzschritte. Sie freut sich auf den Abend. Als um sieben endlich die ersten Gäste kommen, strahlt sie wie ein junges Mädchen. Ihre Freundinnen aus dem Russisch-Sprachkurs haben Pelmeni mitgebracht, gefüllte Teigtaschen nach sibirischem Rezept. Rosa dreht den Plattenspieler lauter. Ungarische Musik erfüllt den Raum und fährt in ihre Beine.

Rosas 85. Geburtstag wird ein rauschendes Fest. Sie tanzt bis in die Morgenstunden – in dieser Nacht erreichen sie die Alpträume nicht. Wenn sie tanzt oder dichtet, näht oder singt, fühlt sie sich leicht und unbeschwert. Sie muss nur in Bewegung bleiben, mit dem Kopf, mit den Fingern oder mit den Füßen. Dann ist sie eine junge Frau.

Berlin 1933. In einem blassgelben Hinterhaus mit der Toilette im Hof und dem Geruch von Kohleofen, der auch im Sommer durch das Treppenhaus kriecht, lebt die zwanzigjährige Rosa mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern. Etwas mehr Platz ist in den anderthalb Zimmern, seit Rosas Vater in seine Heimat Jugoslawien zurückgekehrt ist. Er war ohnehin selten zu Hause und vertrank in der Nacht, was er tagsüber als Schneider verdient hatte. Jetzt ernährt Rosa die Familie. Als Damenschneiderin arbeitet sie in verschiedenen Berliner Maßsalons. Sie arbeitet schnell, aber krumme Nähte oder fransige Säume in den teuren Kostümen und Mänteln gibt es bei ihr nicht.

Bei der Mantelfirma Schmahl ist sie die beste Schneiderin. Bis sie entlassen wird, weil man es nicht länger riskieren mag, eine Jüdin hier arbeiten zu lassen. Da sei leider nichts zu machen, stammelt der Chef mit gesenktem Blick. Immerhin: Zu Hause, in der Küche darf Rosa für ihn noch Mäntel nähen.

1938. Die Berliner Luft wird dünner, noch kann sie sie atmen, aber viel mehr nicht. Rosa trägt einen gelben Stern auf dem Mantel. Mutter und Schwester sind inzwischen auch in die Heimat nach Jugoslawien emigriert. Nach der Heirat mit Siegfried Bibo hat Rosa die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Gemeinsam leben sie in einer „Judenwohnung“ in der Alten Jakobstraße. Als Schneiderin kann Rosa längst nicht mehr arbeiten. Sie schuftet jetzt bei Siemens in der Entdrahterei, später am Zinnbad – für 49 Pfennig in der Stunde. Fast alle Freunde sind ausgewandert oder untergetaucht. Rosa hat außer Siegfried nur noch Bianca, die Mutter ihrer besten Freundin. Die blonde, herzliche Frau zog mit in Rosas Wohnung, nachdem ihre Tochter emigriert war. Für Rosa war Bianca die „Mama“, die sie innig liebte.

Eines Tages fühlt sich Rosa nach der Arbeit besonders schwach und will deshalb nicht mit Bianca einkaufen gehen. Geh du allein, sagt sie zu ihr. Bianca kommt erst sehr spät nach Hause zurück. Ohne Essen und mit dem Polizeibefehl, sofort die Sachen zu packen. Ein Spitzel hat sie dabei ertappt, wie sie im Geschäft ihren gelben Stern mit der Hand verdeckte. Rosa hat das auch immer getan. In dieser Nacht näht Rosa zitternd Biancas Namen in die Kleidungsstücke. Am Morgen darauf wird Bianca abgeholt. Rosa will schreien, tut es aber nicht. Man würde gewiss auch sie mitnehmen. Bianca wird zur Sammelstelle an der Großen Hamburger Straße gebracht, wo man ihr die Haare abschneidet. Rosa wird nie wieder von ihr hören.

Noch sechzig Jahre später sieht sie im Traum Bianca vor der Fabrik stehen, hört sich sagen: Geh du allein, Mama, ich fühle mich heut nicht wohl. Sie sieht Bianca fortgehen, selbstbewusst, mit schnellem Schritt. Bianca hat ihre Sehnsucht nach dem normalen Leben mit ihrem Leben bezahlt.

Für Rosa und Siegfried war das Leben lange nicht „normal“. Hungernd und erschöpft fürchten die beiden, täglich abgeholt, verhaftet zu werden. Nachdem Rosa von einem Nachbarjungen erfahren hat, was mit den Juden geschah, die abtransportiert wurden, drängt sie Siegfried zur Flucht. Sie tauchen bei Bekannten in einem Haus mitten im Wald unter. Viel später wird sie erfahren, dass zwei Wochen nach ihrer Flucht alle Siemens-Zwangsarbeiter ins KZ gebracht werden.

In dem Landhaus gibt es eine Schneiderwerkstatt, in der Rosa arbeiten und so ihre Unterkunft bezahlen kann. Sechs Popelinmäntel näht sie am Tag. An den Wochenenden schneidert Rosa Kleidung und Gardinen für die Bauern der Umgebung. Dafür bekommt sie Lebensmittel, manchmal sogar Schinken und Käse. Sie vertraut darauf, dass die Bauern sie nicht verraten. Aber von Siegfried darf niemand erfahren: Rosa versteckt ihn bis zum Kriegsende in ihrer Kammer.

In dieser Zeit beginnt Rosa zu dichten. Wenn sie nachts vor Sorge und Unruhe nicht schlafen kann, schreibt sie. Ihre Gedichte sind von einer erstaunlichen Zuversicht.

Und scheint es dir auch unerträglich

und hältst du vieles nicht für möglich

schau’s als einen Scherz dir an

worüber man nur lachen kann.

Sechzig Jahre später fällt Rosa das Lachen umso leichter. Vor allem beim Tischtennis mit ihrem Enkel, wenn sie wieder mal verliert. Im Kabarett lacht sie so laut, dass sich die Leute nach ihr umdrehen. Das ist ihr ganz egal. Sie singt sogar mit.

Und manchmal weint sie: Während ihrer Reise nach Israel mit der jüdischen Gemeinde. Wenn sie träumt, von damals. Wenn sie vor Schulklassen von damals berichtet. Rosa hat die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet sie weiterleben durfte, nie gefunden. Sie ist dankbar dafür, und sie genießt das Leben.

Ihren Bekannten ist sie immer mädchenhaft erschienen, fast zeitlos bis zu ihrem Tod. „Sie war nie eine alte Frau“, sagt ihr Enkel.

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