Wirtschaft : Geb. 1914

Betty Goetz

Kirsten Wenzel

Eher ging ihr durch zu viel Tüchtigkeit ein Glas entzwei, als dass sie einmal gedankenverloren in der Ecke saß.

Wenn ihrer Tochter etwas gelang, das Studienjahr in Frankreich, der Einstieg beim SFB, die erste Moderation im Fernsehen, dann sagte Betty Goetz nur: Meine Tochter eben. Mit zwei Jahren saß diese Tochter schon auf den Knien von Hans Fallada, im brandenburgischen Feldberg. Dort war der große Dichter der kleinen Leute für ein Jahr Bürgermeister und besuchte die Familie Goetz in ihrer Küche. So was macht stolz, so was verpflichtet. Außerdem – als Tochter von Betty Goetz sollte man einfach gut sein. So wie sie selbst. Klug sowieso und selbstverständlich fleißig. „Es muss, es muss, es muss“, sagte Betty Götz. So einfach ist das. Was sollte sie da groß loben?

„Wenn sie mal nach Berlin hinrattert, versteht man, dass ihr Herzchen flattert“, das hat ihr jemand liebevoll-ironisch nachgedichtet, in der Zeit, in der sie als Hausmädchen bei einer Familie in der Nähe von Berlin in Anstellung war. Eher ging ihr durch zu viel Tüchtigkeit ein Glas entzwei, als dass sie einmal gedankenverloren in der Ecke saß. Ihr Vater war Schmied, sie war ein Mädchen, für ihre Bildung gab’s kein Geld. War das ein Grund, den Kopf einzuziehen? Ach wo. Schon gar nicht vor den Männern. Die schaute sie sich sehr kritisch an, und sie wurde 30, bis ihr einer gut genug gefiel, dass sie ihn heiratete.

AEG-Vertreter war er, hatte schon in den fünfziger Jahren einen Volkswagen, das Haushaltsgeld zählte er ihr jede Woche aus. Sie verkaufte Fisch und arbeitete im Schallplattengroßhandel, um nicht ganz abhängig zu sein. Sorgte dafür, dass ihre Tochter zur Oberschule geht, Klavierstunden nimmt, die Oper besucht.

Am Wochenende radelt sie mit Kind und Mann in den Schrebergarten nach Elswerder – zum „Wurachen“, was hart arbeiten heißt. Eine kleine Laube steht da an der Havel. Jeden Quadratmeter Land gräbt sie um, mäht den Rasen, kocht Kompott von Äpfeln, Birnen, Pflaumen. Dem Ehemann gehört ein Boot auf dem Fluss, er angelt während sie wuracht.

Betty liebt es, in den freien Stunden mit dem Gesicht Sonnenstrahlen zu fangen, bis die Haut fast zu Leder wird. Sie machen ein paar Reisen, mit dem Volkswagen bis zum Gardasee, die Tochter erinnert sich noch gut an das süße Prickeln der Limonade bei einer Rastpause. Und dann ist er eines Tages weg, der Vater, hat sich nach Westdeutschland abgesetzt, hat die beiden Frauen einfach so verlassen.

Und was macht Betty? Sie kauft einen Laden, auf Pump, einen Zeitungskiosk in Lichterfelde, zahlt die 12 000 Mark in Raten Monat für Monat beim Vorbesitzer ab, geht in die Volkshochschule, lernt, wie man die Bücher führt, kümmert sich darum, dass der Verflossene zumindest seiner Tochter das Studium bezahlt. Und ist mit den Männern durch, für alle Zeit.

Um halb sechs steht sie auf, feuert die großen Kachelöfen an, schnürt die schweren Pakete mit den alten Zeitungen vom Vortag. Um halb sieben öffnet sie die Ladentür, geht noch einmal hinter in die Wohnung und weckt die Tochter, die sich auf den Weg zur Universität macht. Vorne im Laden mit den grauen Wänden und der rotbemalten Decke verkauft sie neben den Zeitungen Bücher und Briefpapier, Schnürsenkel, Nähzeug und ein paar Süßigkeiten. In den hinteren Räumen leben Mutter und Tochter, in einer Küche und zwei kleinen Zimmern, ohne Bad. Die Tochter sucht die Romane und die Krimis aus, die die Mutter verkauft, und wenn die Mutter mal verreisen muss, dann steht die Tochter vorn im Laden. Die Tür wird abends um sieben abgeschlossen, dann muss man noch aufräumen, neue Ware bestellen und die Kasse machen.

Fast 20 Jahre geht das so, die Tochter ist längst in wichtiger Stellung beim SFB, hat eine eigene Wohnung, einen Lebensgefährten, da beschließt Betty, nun mit 68 Jahren in den Ruhestand zu treten. Und außerdem will sie ihren Leichnam der Wissenschaft vermachen. Mir geht es gut, sagt sie zur Tochter und ist doch froh, als die ihr das mit der Wissenschaft wieder ausreden kann. Im Bürgertreff in Lichterfelde macht sie sich nützlich. Wer nützlich ist, ist nicht allein. Sie meint, es ginge immer so weiter, das Leben. Wie ein Uhrwerk, schnell und ohne Pause. Die Tochter möchte mit ihrer Mutter durch den Park von Sanssouci schlendern – und kann dem Stechschritt der energischen alten Dame immer noch kaum folgen.

Als es aber doch nicht mehr geht, als die Krankheiten kommen, beginnt Bettys Traurigkeit. Da sitzt sie bei den Ärzten und fordert Reparatur: „Es muss doch einen Knopf geben, auf den man drückt, damit das Ganze wieder läuft.“ Betty ist 88 und schon dement und wünscht sich zum Geburtstag, dass ihr Kopf wieder funktioniert. Klopft mit der Faust gegen ihren Schädel. In ihrer letzten Lebensstunde arbeiten ihre Füße unter der Decke, die Hände sind in Bewegung. Es muss, es muss, es muss. Tapfere Betty.

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