Wirtschaft : Geb. 1917

Gerhard Goeseke

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Bis er Rentner wurde, ging es mit der deutschen Volkswirtschaft bergauf. Immer, wenn sich die Arbeitslosenquote in die Nähe der Eine-Million-Marke verirrte, riefen er und seine Kollegen den Alarmzustand aus.

Fünfzig Jahre waren sie verheiratet. Fünfzig Jahre lang hat Gerhard Goeseke mit seiner Frau nicht über den Tod gesprochen. Auch nicht, als er in das Alter kam, in dem die meisten beginnen, ab und zu hinüberzudenken in das große fern-nahe Danach. So mit über achtzig Jahren. Aber er sah doch aus wie sechzig.

Wie willst du begraben werden? Seine Frau hat es nicht gewusst. Vielleicht war es eine stumme Verabredung zwischen beiden. Der Tod gehörte einfach nicht zu den ernst zu nehmenden Größen im Leben des Gerhard Goeseke. Im Mai feierte er seinen 85. Geburtstag. Ein Datum mitten im Leben, eins zum Pläne-Machen. Und bald würde er mit seiner Frau wieder nach Spanien fahren, in ihr zweites Zuhause.

Der Tod und das Leben können sich ja nie begegnen. So lange wir da sind, ist der Tod nicht da. Worauf sich also vorbereiten?

Die ernst zu nehmenden Größen im Leben des Gerhard Goeseke trugen n wie Volkswirtschaft, Fortschritt – und zuletzt auch Weltregierung. Wir brauchen eine Weltregierung, denn Brände muss man löschen, bevor sie richtig ausbrechen, wusste der „Fire-Fighter“ der amerikanischen Nachkriegsfeuerwehr in Berlin. Wahrscheinlich hat Gerhard Goeseke die Weltregierung auch an seinem 85. Geburtstag diskutiert, so wie er den Euro bis zuletzt gegen seine Verächter verteidigte, denn er war außer Stande, über kleine Dinge zu reden oder über sie nachzudenken.

Gerhard Goeseke dachte immer groß. Auf große Dinge muss man sich früh vorbereiten. So begann schon der Sechsjährige, Zeitung zu lesen, und der Elfjährige schickte seine allzu bodenständigen Eltern zur Wahl. Es gab gerade eine Abstimmung über den Young-Plan in Berlin, und der Sohn erläuterte Mutter und Vater die Notwendigkeit ihrer Wahlteilnahme. Wahrscheinlich lag das weniger am Young-Plan selbst als an Gerhard Goesekes frühem Sinn für die Zukunft. Denn die Zukunft ist viel zu wichtig, um sie sich selbst zu überlassen. Und wenn man etwas mitbestimmen kann, muss man es tun, legte er den Eltern die politische Grundüberzeugung eines Elfjährigen dar. Natürlich ist die Zukunft auch etwas, dem man ebenbürtig gegenübertreten muss: der Schüler übersetzte probehalber seine Schulbücher ins Französische, während die Freunde draußen Fußball spielten. Dass Menschen, die auf Kommendes hin leben, das Gegenwärtige abkürzen wollen, ist ohnehin klar. Auch Gerhard Goesekes Lehrer wollten ihren Schüler eine ganze Klassenstufe überspringen lassen, aber das ging seinen Beinahe-Nichtwähler-Eltern dann doch zu weit. Vielleicht dachten sie, man solle die Zukunft nicht herausfordern.

Ich weiß auch nicht, wie der zu diesen Eltern kam, sagt seine Frau. Den Plan, Opernsänger zu werden, hat Goeseke trotz seiner Heldenbariton-Stimme früh wieder aufgegeben. Unbewusst hat er gespürt, wie viel Vergangenheit in der Oper ist, ja, dass die Oper wie jede Tragödie nur eines wirklich ernst nimmt – die Vergangenheit.

Und doch hatte es kaum ein Jahrgang so schwer mit der Zukunft wie der Gerhard Goesekes. Im vorletzten deutschen Kriegsjahr, im Jahr der russischen Oktoberrevolution wurden wenig Kinder in Deutschland geboren. Und die meisten seines Alters blieben schon im nächsten Krieg. Gerhard Goeseke kam zurück, nach Ostfront, Westfront und Gefangenschaft. Aber von nun an war der Vorausdenker Goeseke ein Zuspätkommer. Egal wohin, überall kam Gerhard Goeseke kriegsbedingt elf Jahre zu spät. Erst zum Studium, dann zur Arbeit, schließlich zum Tennis. Überall waren sie jünger als er.

Aber dafür wusste er genau, was er wollte. Gerhard Goeseke studierte Volkswirtschaft und trat 1952 in das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ein. Er fand die Traumstellung eines jeden Zukunftsmenschen, Gerhard Goeseke wurde hauptberuflich Prognostiker, Spezialgebiet Steuervorausschätzung. Seine zu Größerem berufene Stimme konnte er auch jetzt gebrauchen, nicht um vergangenheitstiefe Arien zu singen, sondern um Radiostationen Interviews zu den Hauptthemen vieler Tage und Jahre zu geben: Fortschritt und Aufschwung. Goeseke war der richtige Mann zu richtigen Zeit. Und die wahren Männer der Zeit sind immer solche der Zukunft. Er war Mitglied in Helmut Schmidts Transfer-Enquete-Kommission und entwarf bereits damals etwas, das wir heute die Pflegeversicherung nennen. Als Spanien seinen Diktator Franco abschüttelte, führte er dort ein neues statistisches System ein. Wir arbeiten immer noch danach, haben ihm die Spanier vor wenigen Jahren erklärt. In solcher Erfolgsform mochte einer wie Goeseke sogar die Vergangenheit.

Bis 1982, als er Rentner wurde, ging es mit der deutschen Volkswirtschaft bruchlos bergauf. Und immer, wenn sich die Arbeitslosenquote versehentlich in die Nähe der Eine-Million-Marke verirrte, riefen er und seine Kollegen den Alarmzustand aus.

Allerdings versäumte der Rentenversicherungsexperte Gerhard Goeseke, seiner Frau, der Unternehmerin, zu empfehlen, selbst einen gewissen Beitrag in die Rentenversicherung zu zahlen. Er hatte nun mal so wenig Talent für die allzu kleinen Dinge, sagt seine Frau.

Gerhard Goeseke wäre gern hundert geworden, aber nicht aus Egoismus, sondern weil ein Prognostiker wissen muss, wie es weitergeht. Das Glaubensbekenntnis des Atheisten Goeseke war die Zukunft. Und natürlich dachte er nicht über den Tod nach. Denn der ist was für Schwarzseher. Eine reine Nicht-Volkswirtschaftler-Idee. Der Tod ist die große Unmöglichkeit, ein Projekt zu haben. Wahrscheinlich hat Gerhard Goeseke ihn dafür verachtet. Und so ist er auch gestorben. Ohne Vorbereitung, an einer geplatzten Arterie, zwischen Frühstück und dem Plan für den Nachmittag. Auch zuletzt hat Gerhard Goeseke nicht an den Tod gedacht. Kerstin Decker

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