Wirtschaft : Geb. 1917

Gerda Krejcik

Kirsten Wenzel

Gerda Krejcik

Sie hat schon immer gern in der Erde gewühlt. Die Liebe zur Pflanze, die hatte sie von ihrem Vater, dem sanften, schönen Tschechen, den ihre Mutter manchmal Bauer nannte. Gerda wollte eigentlich Verwalterin eines großen Landgutes werden, doch in der Ausbildung, sie war gerade siebzehn, stieg ihr der lüsterne Gutsverwalter nach. Sie erwähnte es in einem Brief an ihre Mutter. Die sittenstrenge Klara aus Heidenau bei Dresden reiste unverzüglich an, holte ihre Tochter ab und entschied: Du wirst Diakonissin, mit Haube, mit Tracht und ohne Versuchung.

Die Mutter, die stolze Kleinstadtmamsell, die unglückliche Ehefrau. Die Mutter, die ihr Kind auf Distanz hielt. Schon weil es so sehr nach dem Vater kam, weil sie für den Geschmack der Mutter etwas „unangenehm Slawisches“ an sich hatte: die breiten, schwarzen Augenbrauen, die dicken Zöpfe. Und dann auch noch die fremden Worte, die dem Kind aus dem Mund purzelten! Die Sprache des Tschechen, den die Mutter mehr aus einer Laune heraus geheiratet hatte, nach einer Wette mit ihrer Freundin. Den sie später für seine Gutmütigkeit verachtete und für seine Lust auf Mehlspeisen.

Den Eltern der Mutter gehörte die größte Gärtnerei von Pirna, sie hatte eine Anstellung als Sekretärin, eine moderne Frau mit Sinn für Eleganz und Willensstärke, wenn auch prüde und mit einem Hang zur vagabundierenden Frömmigkeit. Der Tscheche war ein Glasbläser aus Bauernkreisen, unvermögend und später, während der großen Inflation, auch noch arbeitslos.

Tochter Gerda wurde bei den Diakonissen Krankenschwester: Fliegenfangen im Operationssaal, Demut und Gehorsam. Die Nachtschichten ertrug sie und die tägliche Differenz zwischen Gebet und Tat. Doch eines Tages ging sie auf ihr Zimmer, zog ihr grün- weiß gepunktetes Kleid an und fuhr mit der Straßenbahn nach Hause. „Endlich bist du den Gewerbehelm los“, kommentierte der Vater ihr bares Haupt. „Weißt du, wie teuer es war, dich einzukleiden?“, schrie die Mutter. Da entschied die Tochter, bald noch weiter zu reisen. Nach Berlin, ganz allein. Und die Mutter stöhnte: „In den Sündenpfuhl also“.

Am Berliner Bahnhofshotel stand „Pension“ – es war ein Bordell. Ein Zimmer vermietete man ihr kommentarlos, nur die Freundin, die sie dort abholte, schlug die Hände überm Kopf zusammen.

Im Schneideratelier der Freundin verkehrten Schauspieler und Prominente, so fand die junge Krankenschwester aus Sachsen Anstellung in einer Zehlendorfer Privatklinik. Und als 1938 in Deutschland die Synagogen brannten, der jüdische Oberarzt verschwunden war und ihr Vater, inzwischen „naturalisiert“ und gläubiges Parteimitglied, immer noch am Nationalsozialismus festhielt, da brach die Tochter den Kontakt nach Heidenau ganz ab.

Als eine Aufseherin sie zur Rede stellte, weil sie einer jüdischen Zwangsarbeiterin Schuppe für Schuppe den verkrusteten Kopf reinigte, entgegnete sie nur barsch und ziemlich genau im Tonfall ihrer Mutter Klara: „Ich mache meine Arbeit, wie ich es für richtig halte.“ Sie war erwachsen geworden.

Man schrieb das Jahr 1941, als sie auf eine Gesellschaft eingeladen und Günther aus Kleinmachnow ihr als Tischherr beigeordnet war. Man lebte für den Tag, es war Krieg. Und so folgte eine Nacht, in der sie schwanger wurde. Im Dezember darauf war sie Alleinerziehende im Krieg, ohne Ehemann und ohne Familie.

Ihre Tochter Bärbel gab sie zu ihrer alten Kindergartenfreundin Adele nach Heidenau. Sie musste ja weiter arbeiten, nun in der Neuköllner Krupp-Registrierkassenfabrik als Werksschwester. Vom Dach des Werkes aus sah sie, wie die Bomben auf die Hauptstadt fielen, denn in den Luftschutzkeller, da kriegte sie keiner rein.

Die Eltern in Heidenau brauchten fast drei Jahre, bis sich der Vater endlich durchsetzte gegen Klara, die Gerdas Tochter, den „Wechselbalg“, nicht im Haus haben wollte. Ab da wuchs Bärbel bei dem lieben tschechischen Opa auf, bearbeitete mit ihm das kleine Gartengrundstück, das ihnen geblieben war, die Erbsen und die Tomaten, so wie zuvor Gerda in ihrer Kindheit. Und Gerda, die Mutter, kam alle 14 Tage zu Besuch.

Nach dem Krieg lernte sie einen Schuhfabrikanten aus dem Wedding kennen, er war verheiratet und unglücklich. Ihre Tochter gab sie in das beste Internat der Stadt und lebte mit ihm, spionierte in Mailand die Schaufenster der Konkurrenz aus, verkaufte Schuhe und hatte selbst nach wenigen Jahren 100 Paar handgefertigte Exemplare im Schrank. Hüte, groß wie Wagenräder, trug sie in der Zeit und ließ sich schulterfrei als Prachtweib in Pose fotografieren. Der Fabrikant starb, sein Herz, sagte sie später, habe den Kummer über die Billigkonkurrenz aus Italien einfach nicht mehr mitgemacht.

Ihre Tochter war gerade mal 18, da wurde Gerda Großmutter. Wieder gab es keinen Mann, wieder waren die Frauen auf sich gestellt. Diesmal nahm Gerda die Enkeltochter zu sich – und war für sie wie eine Mutter. Trau dich, du kannst was, hat sie ihrer Enkeltochter immer gesagt.

Als sie im Rollstuhl saß und nicht mehr kämpfen musste, besuchte die Tochter sie oft. Nun hatten sie Zeit füreinander. Sie tranken Sekt und aßen Räucherlachs.

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