Wirtschaft : Geb. 1921

Hannelore Bleisch

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Von Krethi und Plethi nahm sie keine Notiz. Das Niveau musste stimmen.

Ihre Porträts sind ähnlich. Sie wollte Menschen und ihren Ausdruck in Umrissen und Farben festhalten, ganz im Sinne des alten Satzes: „Alle Kunst ist eine Herausforderung an den Tod.“ Und so schauen ihre Söhne, ihre Freunde, auch bekannte Menschen – Architekten, Dichter, Wissenschaftler, die sie in Öl gemalt hat, voller Neugier und Anteilnahme, dabei zugleich immer mit dem entrückten Air, das das lange Stillsitzen erzeugt, auf den Betrachter und bekennen sich gelassen zu sich selbst.

Hannelore Bleisch war keine professionelle Malerin, aber doch mehr als eine Sonntagsmalerin, sie war eine Dilettantin von der Art, wie Schopenhauer sie gegen jene verteidigt hat, „die sich um des Erwerbs willen darauf geworfen haben“. Sie war ausgebildete Bühnenbildnerin, hatte diesen Beruf aber nie ausgeübt. Bevor es dazu kommen konnte, traf sie den Arzt Gerhard Bleisch. Das Paar bekam drei Kinder, zwei Söhne, eine Tochter, und die Familienmutter begann zu malen.

War Hannelore Bleisch eine typische Künstlerin? Eigentlich nicht. Sie hatte nichts Bohemehaftes an sich, nichts Wildes, nichts Verhuschtes, nichts Weltfremdes. Sie war – eine Dame. Sie repräsentierte den Typus Frau, der in Berlin nach Nazizeit und Weltkrieg selten geworden war. Sie zählte sich zum Bildungsbürgertum und pflegte bewusst, was bürgerliche Kultur im schönsten Sinne war: Liebe zu den Künsten, Offenheit für Neues und Fremdes, Reiselust und Gastfreundschaft.

Allerdings – man musste schon was zu bieten haben, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken, von Krethi und Plethi nahm sie keine Notiz, das Niveau musste stimmen. Sie verfolgte die Umtriebe der literarischen und der bildnerischen Avantgarde, hielt aber treu zum klassischen Kanon. Ihre Lieblingsschriftsteller waren Thomas Mann und Marcel Proust.

Hannelore Bleisch war anspruchsvoll, ja, aber in erster Linie sich selbst gegenüber. Nachdem ihr Mann 1975 gestorben war, nutzte sie ihre Zeit für ein umfangreiches Bildungsprogramm. Sie lernte eine Sprache nach der anderen, auch Chinesisch, und fuhr noch im hohen Alter ins Reich der Mitte, das Tagebuch und den Aquarellblock immer dabei. Es machte ihr Spaß zu erzählen, wie ihr in fernen Ländern die Kinder beim Malen über die Schulter geblickt hatten und sie mit ihnen ins Gespräch gekommen war.

Die Malerin und die kultivierte Dame, sie brauchten Platz, und den hatten sie in einer Villa am Nikolassee. Auch nachdem sie das große Haus für ihre Kinder geräumt und sich in einer ausgebauten Remise eingerichtet hatte, verströmte ihr Zuhause noch eine Atmosphäre großbürgerlicher Erlesenheit. Das lag an den Biedermeiermöbeln, vor allem aber an dem riesigen Garten: Alles war da, Blumen, Obst, Gemüse – lauter duftende Modelle für ihre Stillleben in Öl.

Als sie an Knochenkrebs erkrankte, war das für sie ein Schock, nicht nur, weil sie nun wusste: Es wird bald zu Ende sein. Vor allem, weil sie fand, dass eine solche Krankheit nicht zu ihr passte. Sie hatte es sich anders vorgestellt. Sie wollte bis zum Schluss alles geben können. Jetzt waren da diese Schwäche und diese Schmerzen. Schon ihr achtzigster Geburtstag, den sie mit einem großen Gartenfest feierte, war überschattet von ihrer körperlichen Hinfälligkeit, deren Grund sie damals noch nicht kannte. Rückenschmerzen, dachte sie, das wird schon wieder. So durfte sie noch einmal ihr großes Talent zur Freude zeigen – eine Freude, die sich zum Glück steigerte, als sie hörte, was für ein Geschenk ihre Freunde für sie planten: eine Ausstellung ihrer Bilder, comme il faut mit Katalog und Vernissage. Zwei Wochen später erfuhr sie, dass sie die Ausstellung, nicht mehr erleben würde.

Hannelore Bleisch beschloss, auch im Abschied die Form zu wahren. Sie kündigte ihr nahes Ende an – und die Liebe und Verehrung, die sie erfuhr, waren überwältigend. „Seht ihr“, sagte sie, „es kommt eben doch etwas zurück von dem, was man in den Wald hineingerufen hat.“

Die Form wahren – es war bei ihr keine leere Form, sondern eine von Leben erfüllte Gestalt, und deshalb war dieses „Wahren der Form“ so schön und so bewundernswert. Sogar ihre Todesanzeige, von ihr selbst entworfen, spricht davon. Der Text lautete: „Nun weiß ich, wie es wirklich ist.“

Die Ausstellung mit Barbara Bleischs Bildern wird am kommenden Sonntag eröffnet und ist bis zum 9. September zwischen 14 und 18 Uhr in der Galerie „Mutter Fourage“ zu sehen, Chausseestr. 15, Berlin-Wannsee. Barbara Sichtermann

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