Wirtschaft : Geb. 1924

Heinz Müller

Ariane Bemmer

Unendlichkeit konnte ihn nicht beunruhigen. Er baute Raketen und war ein streitlustiger Kämpfer in der Gewerkschaft.

Es war milde, eine laue Brise wehte von der See herüber, da schoss von Peenemünde aus eine Rakete senkrecht in den hellblauen Himmel, die flog und flog, mit fünfeinhalbfacher Schallgeschwindigkeit 90 Kilometer hoch. Das war am 3. Oktober 1942. In den Büchern steht, es war die Geburt der Raumfahrt. Da packte in Spandau Heinz Müller, der jüngste Sohn der Familie und gerade 18, seine Sachen und zog in den Krieg.

Er kam auf die Krim, wo es auch im Winter noch angenehm ist. Weiter im Norden, vor Stalingrad ging die 6. Armee zugrunde. Es war der Winter, in dem die Wehrmacht fast eine Million Soldaten verlor. Heinz Müller bekam Fleckfieber und wurde nach Hause geschickt. Wieder gesund kam er, der als Junge bei Borsig Maschinenbauer gelernt hatte, nach Peenemünde. Zu den Raketen. Er musste schwören, dass er nichts verraten würde.

Von dem Fischerdorf im Norden von Usedom war da schon nicht mehr viel übrig, die Wehrmacht hatte sich breit gemacht. 15000 Menschen arbeiteten dort. 25000 Quadratmeter umfasste das Areal. Komfortable Unterkünfte für die Wissenschaftler und Ingenieure gab es da und eine große Werkshalle. Heinz Müller sah Wachmannschaften, die entlang des Stacheldrahtzauns patrouillierten, einige mit Hunden. Die Arbeit an der V2 war Geheimsache. Trotzdem hatte sich auf der Insel rumgesprochen, was dort geschah. Und wenn wieder eine Rakete startete, guckten alle in den Himmel.

Heinz Müller war oft dabei, wenn eine Testrakete startklar gemacht wurde. In der Montagehalle standen die montierten Raketen. War alles fertig, wurde die Rakete auf einem Lkw-Anhänger zu dem Ringwall gefahren, in dessen Innern die Abschussstelle war. Da brachten sie die Rakete in die Senkrechte und stellten sie auf den Starttisch. Dann kamen die Tankwagen angefahren. Die V2 hatte zwei Tanks. In den einen kam Sauerstoff, in den anderen Alkohol.

Dann zogen sie sich von der Rampe zurück. Heinz Müller kletterte auf das Dach eines Werksgebäudes, um zu beobachten, was passiert, nachdem im Beobachtungsbunker der Startknopf gedrückt wurde. Er hörte das Fauchen, wenn der Sauerstoff und der Alkohol in einen Tank zusammenkamen und die Rakete in die Luft schoben, sah den gleißenden Kondensstreifen, den gefrorenen Blitz, hielt sich die Ohren zu, kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, und blickte der Rakete hinterher, solange es nur ging.

Vorne in der Raketenspitze war Ballastmaterial. Es simulierte die Tonne Sprengstoff, die dort bei Angriffen war. Aber daran dachte Heinz Müller nicht. Er sah der Rakete, die niemanden töten sollte, hinterher und wünschte sich, dass sie weiter und weiter fliegen sollte, tief ins All hinein. Gucken, was da noch ist. Weil da bestimmt irgendwas ist. Wärmere Sonnen, buntere Sterne, hellere Monde. Besseres Leben.

Der Traum blieb Heinz Müller. Unendlichkeit, das beunruhigte ihn nicht. Das barg Hoffnung. Nach Kriegsende und wieder zurück in Berlin arbeitete er bei der BVG. Er musste über die Runden kommen, sich um die Mutter kümmern. Dann kam er zur Gewerkschaft ÖTV, wurde ein streitlustiger Kämpfer. Bücher über Raketen, den Weltraum und den Zweiten Weltkrieg las er abends. Tagsüber kümmerte er sich darum, dass es den Beschäftigten besser ging. Für die Kanalarbeiter tauchte er in den Dreck, um zu sehen, wie die da arbeiten. Für die Techniker krabbelte er auf den Funkturm, der im Wind schwankte. Und bei alldem merkte Heinz Müller nicht, wie es ihm immer schlechter ging. Mit 46 brach er zusammen. Das Herz versagte.

Dass er die komplizierte Operation damals überlebte, war Glück. Vom Krankenlager ging er nicht wieder nach Hause, er zog zu Krankenschwester Urte. Sie wurde seine zweite Frau. Er erzählte ihr vom Weltall. Sie guckten die Space-Night im BR, wenn Weltraumkameras Bilder von der Erde zeigen, tranken dazu Sekt und aßen Würstchen.

Heinz Müller erlitt viele kleine Zusammenbrüche, sein Herz hat sich nie wieder richtig erholt. Aber sein Kopf hat funktioniert. Als er kaum noch laufen und nur noch schlecht gucken konnte, kaufte Urte einen Fernseher mit einer riesigen Bildröhre. Heinz Müller guckte alles, über Tiere, Reisen, Länder, Leute, Wissenschaft.

Den Stern, den sie für ihn in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte gekauft hat, hat er nicht mehr gesehen. Es ist der Stern Sabik aus dem Sternbild Schlangenträger. Er ist blau und zwischen Mai und August taucht er am Firmament auf.

Bevor Heinz Müller starb, schmiedeten die beiden einen Plan. Ein Teil seiner Asche soll ins Weltall geschickt werden. Heute geht sowas. Eine kleine Urne, die von einer Rakete mitgenommen wird. Am liebsten von Baikonur aus, denn das erinnert irgendwie an seine Zeit auf der Krim.

Dann kreist seine Urne um die Erde, draußen im Weltall, viele Jahre lang, vielleicht hundert. Und wenn sie jemals zurück- kommt, wird sie beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglühen.

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