Wirtschaft : Geb. 1930

Friedrich Blum

Stephan Reisner

Friedrich Blum

Wenn Friedrich Blum nicht einschlafen konnte, versuchte er es mit Kopfrechnen. Er zog Wurzeln aus vierstelligen Zahlen, löste komplexe Gleichungen und ging Quadratzahlen durch. Irgendwo zwischen Null und Unendlich ist er schließlich eingeschlafen.

An der Supermarktkasse stimmte das Ergebnis von Blums Kopfrechnung mit der Summe auf dem Display in aller Regel überein. Blum war einer, der sich Dinge gut merken konnte, ein Kopf- und Geistesmensch. Das bedeutet nicht, dass er keinen Sinn fürs Praktische hatte. Alles eine Frage der Auslegung. Auf den Urlaubsfahrten der Familie nach Italien sagte er, die Karte im Kopf, auf den Kilometer genau an, wo es wie nach welcher Abzweigung weiterging. Er war ein Meister im Errichten von Eselsbrücken und im Meißeln von Merksätzen. Als Lateiner hatte er ein hervorragendes Gefühl für Grammatik und Ausdruck. Sprachliche Schlampigkeiten und Druckfehler in der Tageszeitung spürte er unerbittlich auf.

Wen wundert’s, dass Blum bereits als Zwölfjähriger wusste, was er einmal werden wollte? Lehrer! An seiner Berufung hegte er nie einen Zweifel, sie führte ihn über frühe Nachhilfetätigkeiten und ein Lehramtsstudium sowie eine Fortbildung zum Logopäden auf den Posten des stellvertretenden Rektors an der Albert-Gutzmann-Schule, einer Schule für sprachbehinderte Kinder, an der er dreißig Jahre lang unterrichtete.

Sein Vater hatte ihn und seine Mutter kurz nach dem Krieg verlassen. „Ich habe mich in meinem Leben oft gesorgt“, schrieb er als Abiturient in einem Aufsatz mit dem Titel „Mein Bildungsgang“. Schon als Kind wurde er gehänselt, weil er schwächer war als seine Klassenkameraden und nicht so gelenk. Sie stießen ihn ins Brennnesselgebüsch, und er war nie in der Lage, es ihnen heimzuzahlen. Dabei wollte er immer nur dazugehören, einer von ihnen sein, einen Freund gewinnen.

Freunde fand er anderswo: in der Literatur, in Raabes „Hungerpastor“, in Wolframs „Parzival“, in Sudermanns „Frau Sorge“ – „Ja, meine Bücher! Sie sind die Ursache gewesen, dass ich so selten draußen zu finden war“, schrieb er. Blum, der eifrige Schüler, sog alles auf, was er zu lesen in die Hände bekam, und schließlich vertraute er sich selbst dem Papier an. Er begann zu dichten, still und anstatt ein Tagebuch zu führen. Als er auf einer Kinderlandverschickung in der Lagerzeitschrift einige Gedichte veröffentlichte, kam prompt die Redaktion. Eine Leserin schrieb: „Du hast eine Gabe in deiner Sprache, andere Menschen weinen und sich freuen zu machen, und vielen wirst du dadurch helfen können!“

„Ein anderer“ wurde er aber erst, wie er schrieb, als er Leid zu sehen bekam, das über die eigenen Nöte weit hinausging, die Schrecken des Krieges: „Familien auf offenen Güterloren, Mütter, die ihre Kinder im Schlafe glaubten, während sie längst kalt und steif waren, verkohlte Leichen auf ausgebrannten Wagen.“ Damit verlor er „alle behagliche Selbstzufriedenheit, dieses Spießertum, das sich nur seinen eigenen Leistungen hingibt und sich der Not anderer verschließt“.

Mitte der fünfziger Jahre war es dann so weit: Blum trat seinen Dienst als Lehrer an. Zunächst als ständige Vertretungskraft im Wedding. Dann ab 1960 fest an der Albert-Gutzmann-Schule bis zu seiner Pensionierung 1990. Zu seinem unverwechselbaren Erkennungszeichen wurde eine rotkarierte Mütze.

In der Schule hatte er es mit Kindern zu tun, denen das Sprechen schwer fiel, denen die Worte nicht so selbstverständlich über die Lippen gingen wie ihm, die sich ständig verhaspelten, mitten im Wort hängen blieben oder durch eine Deformation der Gaumenwand undeutlich betonten. An eine Schülerin erinnerte er sich besonders lange. Sie kam in den Unterricht und guckte ihn nur stumm an. Über ein halbes Jahr lang bemühte sich Blum um sie, tagein, tagaus, in nicht abreißender Geduld. Am Ende hatte er die Mauer durchbrochen, und das Mädchen fing zu sprechen an.

Seine Schüler wollte er nicht einfach mit der Pensionierung im Stich lassen, und so gab er weiter Sprachtherapiestunden. „Sie haben sich doch so an mich gewöhnt“, sagte er.

Einmal aber musste er einen Menschen schwer enttäuschen: seine Mutter. Er erklärte ihr, dass sie ihn nicht jeden Sonntag für sich ganz allein haben könne. Schließlich habe er eine eigene Familie mit zwei Kindern. Die Mutter verstand es nicht. Dann wurde sie todkrank, und Blum pflegte sie, bis sie starb. In ihrem Testament bedachte sie ihre Partei, die Freundin, die Enkel, nur nicht ihn, ihren einzigen Sohn. Den Pflichtteil, den man ihm anbot, schlug er aus. „Es war ihr Wille!“, sagte er.

Länger als zehn Jahre lebte Blum mit einer künstlichen Herzklappe, dann erkrankte er an Krebs. „Sie werden die Nacht nicht überleben“, sagte ihm der Arzt eines Abends. Blum nickte und sagte „Okay“. Eine Stunde später schlief er ein. Ohne Kopfrechnen.

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