Wirtschaft : Geb. 1940

Joachim Zänker

Thomas Loy

Joachim Zänker

Um die Welt aus den Angeln zu heben, muss man Maurerarme haben. Arme wie Achim. Wollte er aber gar nicht, liebte die Welt ja so, wie sie ist, der Achim. Gerade weil er sie so liebte, breitete er oft seine kräftigen Arme aus, um sie an sich zu drücken. Das kann man auf vielen Fotos sehen, diese Geste des Weltumspannens aus reinem Übermut. Trotz äußerster Armausdehnung hängen manchmal noch zwei, drei Bierseidel an den Händen. Achim zeigte gerne, was er alles heben konnte. Ein frohgemuter Herkules von 190 Zentimeter Höhe und 120 Kilo Gewicht. Die Ausmaße kamen vom Akkordmauern und vom guten Essen und Trinken. Viel Fleisch kam auf den Tisch, wenn Achim kochte. Rehrücken, Gänsekeule, rheinischer Sauerbraten, am liebsten Rouladen. Nach dem Kochen passte Achim auf, dass alles aufgegessen wird. Klar, woher das kam. Vom Hunger kam das. Achim war ein Kriegskind.

Was er davon erzählte, handelte aber gerade nicht von Knurrmagen und Sirenengeheul. Es waren Lausbubengeschichten. In einer ging es um ein Paar Schuhe, die er anziehen sollte, aber immer wieder auszog und unter einer Brücke versteckte. Achim war in den letzten Kriegsjahren wegen der Bombardements auf Berlin mit seiner Mutter zu Verwandten ins brandenburgische Kirchhain gezogen. Dort liefen die Kinder barfuß herum und verspotteten Achim, den Schuhträger, als „Städter“.

Seine Mutter, eine strenge Frau, verlangte, dass jederzeit Schuhe getragen werden, wie es sich für einen anständigen Berliner Jungen gehört. Vor allem, als der Junge in die Schule ging. Achim lief in Schuhen los und kam in der Schule barfuß an. Nur ging das nicht lange gut. Der Schulfußboden war mit geölten Bohlen ausgelegt. Das Öl mischte sich mit dem Straßendreck zu einer renitenten Schmiere, der nur mit entschlossenem Schrubben beizukommen war. Seiner Mutter war bald klar, was gespielt wurde. Ihre Bestrafungsmethode war weniger städtisch-modern als bodenständig-klassisch: eine Tracht Prügel.

Damals gab es eine Tante Lena, die durch ihre barocke Gestalt auffiel. Mit dieser Tante wurde Achim gegen Kriegsende schicksalhaft verbunden. Bei einem überraschenden Fliegerangriff auf Kirchhain schlug eine Granate ins Haus. Die Druckwelle erfasste Achim und schleuderte ihn mitten hinein in den großen Bauch von Lena, die hinter ihm stand.

Zusammen mit Schutzengel Lena wurde Achim öfter zu Besorgungen geschickt. Wobei die Tante ihn auf dem Fahrrad mitnahm und Achim die eigentlichen Besorgungen erledigte, also Fleischbrühe vom Schlachter holen oder Eier vom Bauern. Achim war wie die anderen Jungen ein schmales Hemd, dem man schon mal was Leckeres zusteckte. Um der Barmherzigkeit auf die Sprünge zu helfen, schärfte Lena dem Jungen ein, nach Stullen zu fragen. Mindestens die Hälfte davon verschwand dann in Lenas großem Bauch. War ja auch gerecht. Der Bauch hatte immerhin Achims Leben gerettet.

Später, zurück in Berlin, lernte der Achim das Maurerhandwerk. Ranklotzen wollte er, Geld verdienen, eine Zukunft aufbauen. 1962 heiratete er Helga. Er war ein schöner Mann, sagt Helga. Sah aus wie der junge Hardy Krüger und posierte wie James Dean. In seiner frühen Manneszeit kam es auch zu Raufereien und den typischen Folgeerscheinungen. Als er sich bei Helgas Eltern als Zukünftiger vorstellte, trug er einen Maßanzug und eine dunkle Sonnenbrille. Die Mutter nahm Helga zur Seite und fragte besorgt: „Warum nimmt er die Brille nicht ab? Hat er einen Augenfehler?“

Achim machte seinen Meister. Riesengroß hängt das Diplom im Flur, schräg unter dem Buchdrucker-Diplom seines Großvaters von 1913. Achim wurzelte tief in der Familiengeschichte. Seine Wurzeln ragten sogar bis in die Stadtgeschichte hinein. Das alte Zille-Berlin nagelte er an die Wand, den Schutzmann, den Schiebermax, das Schmuddellieschen. „Ich bin ja aus Mitte“, warf er seiner Randberlinisch-Zehlendorfschen Gemahlin großspurig vor die Füße. Seine Berliner Schnauze würzte den Alltag und machte ihm das Arbeiten leicht. Natürlich schwärmte er für Hertha. Blau-weiße Sticker auf den Lack zu kleben oder einen Fanschal ins Fenster zu hängen, dafür war ihm sein Mercedes aber doch zu schade. Der Sticker kam auf Helgas VW-Käfer. Natürlich ohne sie zu fragen. Was draufstand? „Was schert mich Weib, was schert mich Kind, Hauptsache Hertha gewinnt.“

Mit solchen Sprüchen ließen sich lange Diskussionen wunderbar abkürzen. Zum Beispiel zu der Frage, ob ein Maurer nicht mal ein eigenes Haus mauern sollte. Achim sagte dann mit weiser Stimme: „Der Laie baut, der Fachmann wohnt zur Miete.“ Wobei man sagen muss, dass Achim inzwischen eine Anstellung als Techniker im Beamtenwohnungsverein gefunden hatte. Da wohnte man großzügig und günstig. Mit dem gesparten Geld ging es mit der Familie in Urlaub. Meistens fuhren sie per Auto, weil Achim so gern Auto fuhr. Wenn es nicht anders ging, nahm er auch das Flugzeug. Und wenn ihn der Übermut packte, buchte er die Concorde: Berlin-Paris. Ausnahmsweise natürlich, zum 1. Tag der Deutschen Einheit. Weil er sich doch so gefreut hatte über die Maueröffnung.

Dann baute er doch noch. Aber nur eine Ferienwohnung auf Usedom. Und nur die Innereien. Beim Löcherbohren wurde es eines Tages plötzlich dunkel. Mit der Elektrik hatte Achim es nicht so. „Lauf mal in den Flur und frag, wer den Strom abgeschaltet hat!“ Helga lief, fand aber keinen Übeltäter. Sie musste dann in ein Elektrogeschäft gehen und sich erklären lassen, wie die Sache mit der angebohrten Hauptleitung am besten zu lösen sei. Achim, der Handwerksmeister und Bauleiter, konnte da nicht selbst hingehen. Das wäre ungefähr so, wie wenn ein gestandener Getreidebauer zum Milchbauern geht, um nachzufragen, wie man eine Kuh melkt.

100 Jahre alt wollte er werden, der Achim. War ja auch immer gesund gewesen. Dann wurde er doch krank. Krebs, Diabetes, Herzinfarkt. Er ließ sich frühpensionieren. Ein paar Jahre ging es ganz gut, dann plötzlich nicht mehr. Der starke Achim verlor rasend schnell seine Titanen-Kraft. Ein halbes Jahr noch, sagten die Ärzte. Es wurden nur vier Wochen.

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