Wirtschaft : Geb. 1944

Michael Lüer

Stefan Jacobs

Er wollte mittags wissen, wo er abends sein Haupt betten würde.

Huuoaaap!“ Es war ein gedehnter, kehliger Ruf, der zuweilen am Morgen durch den Schulflur hallte. Das war der Herr Lüer, der bei den Klassenfahrten immer so schön auf der Gitarre spielte und dazu sang.

Wie Michael Lüer in den Flur hineinrief, so schallte es zurück, wenn sein Freund und Kollege Alexander ihn gehört hatte. Die beiden hatten das Ritual von Bergwanderungen in ihre Steglitzer Grundschule mitgebracht. Eine Begrüßung – und ein Zeichen, dass Michael Lüer gut gelaunt war. Eigentlich war er immer gut gelaunt. Die Kollegen wurden misstrauisch, wenn er nur einen guten Morgen wünschte und nicht noch einen Scherz hinterherschob.

Michael Lüers Fächer waren Sport, Biologie und Klassenfahrten, verbunden mit Lebenskunde. Er liebte es, mit einer lärmenden Horde aus Zehn- bis Zwölfjährigen durch Watt und Wälder zu wandern. Ob die Schüler die stundenlangen Fußmärsche ebenso genossen wie er, ist eine andere Frage. Immerhin: Michael Lüer war stets erste Wahl, wenn Betreuer für Klassenfahrten gesucht wurden. Spätabends, wenn das Lagerfeuer heruntergebrannt war und der Lehrer die Bahn des Jupiters erklärte, verwandelte sich die lärmende in eine lauschende Horde. Am Ende seines Berufslebens kannte Michael Lüer den Sternenhimmel und das Wattenmeer genauso gut wie den Lehrplan: 25 Reisen ins Schullandheim nach Sankt Peter-Ording. Und immer war er total entspannt, wenn er zurückkam.

Es war die Lust am Draußensein, die ihn reisen ließ, nicht das Fernweh. Im Gegenteil: Er wollte mittags wissen, wo er abends sein Haupt betten würde. Reisen mit ungewissem Ziel mochte er nicht. Vielleicht lag es an der schlechten Erfahrung, die er gemacht hatte, als er noch Micha war. Er hatte seine leidlich glückliche Nachkriegskindheit im Spreewald verbracht, behütet von der Mutter und der innig geliebten Oma. 1955, als das Experiment DDR zunehmend unerfreuliche Nebenwirkungen zeigte, stieg die Mutter mit ihm in die S-Bahn Richtung West-Berlin. Ein Ausflug, so schien es. „Deine Oma wirst Du nie mehr wiedersehen“, sagte die Mutter aber unterwegs. Das war für den Elfjährigen noch schlimmer als die Unbilden des Notaufnahmelagers Marienfelde, wo er das folgende Vierteljahr verbrachte. Es dauerte eine Weile, bis er sich in der Welt zurechtfand, in die ihn die Erwachsenen verpflanzt hatten.

Michael machte Abitur, jobbte hier und da, unter anderem als Briefträger – dreißig Jahre später versuchte er seine Nachbarn zu überzeugen, Hausbriefkästen an den Eingang zu hängen, um dem Postboten die Klettertour über drei Etagen zu ersparen. Sie stimmten für die Ästhetik und gegen den Briefträger.

Seine Frau Sibylle lernte Michael Lüer auf einer Studienfahrt kennen. Sie war damals so gut wie verlobt. Aber als sie ihm im Zug nach Paris gegenüber saß, konnte sie den Blick nicht von seinen fröhlichen Augen lassen. Auf der Rückfahrt wussten beide, dass sie füreinander bestimmt waren.

Zur Silberhochzeit bekam Sibylle Lüer zum ersten Mal eine Ahnung, dass die glücklichen Jahre gezählt sein könnten. Sie fuhren im Spreewaldkahn durch die Orte seiner Kindheit und trugen die Blütenkränze auf dem Kopf, die ihnen eine Cousine geflochten hatte. Dann warfen sie sie ins Wasser, ein Ritual. Als sie anlegten, kam ein Husky angeschwommen. Er trug einen der Kränze auf seinem Kopf, die Festtagsgesellschaft amüsierte sich köstlich bei seinem Anblick. Nur Sibylle Lüer lachte nicht. Sie konnte den Gedanken selbst nicht klar erkennen, der sie zusammenzucken ließ. Es war eher ein inneres Wetterleuchten. Sie schaute nach dem zweiten Kranz. Er war nicht da.

Die Krebsdiagnose kam vier Jahre später. Michael Lüer lebte weiter, als würde die Uhr nicht ticken. Er ertrug geduldig die Operationen und Chemotherapien, klagte nicht, litt nicht. Zumindest nicht äußerlich. Manchmal war er ein bisschen antriebslos und grübelte vor sich hin. Vielleicht war es ja gar kein Generationenproblem, sondern die Krankheit, die ihm die letzten Jahre in der Schule schwer gemacht hatte.

Zur Hochzeit seines Sohnes vor ein paar Monaten sah er richtig fit aus mit seinem vollen weißen Haar und dem Bart, ein Einstecktuch im dunklen Anzug, die Augen blitzten wie eh und je. Aber die Krankheit war unaufhaltsam. An einem Sonntagmorgen, einem der ersten warmen Tage des Jahres, ging Michael Lüer in sein Zimmer. „Froh sein! Zur Freude gehört Begabung. Leiden kann jeder.“ – Vor vielen Jahren hatte er den Spruch von Klabund an die Wand übers Sofa gehängt. Nicht als Mahnung, sondern als Bestätigung. Die Sonne schien durch die Bäume ins Zimmer. Michael Lüer legte sich aufs Sofa und schloss die Augen.

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