Wirtschaft : Geb. 1948

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Sie war so schön, und alles hätte sein sollen wie im Märchen. Dann kam die Angst. Aber wenn sie malte, dann waren selbst die Tränen noch rosa.

Drei Töchter hatten die Babichs: Hiltraud, Evelyne und Antje. Hiltraud, die älteste, war drei Jahre alt, als Evelyne zur Welt kam, Antje, die jüngste, wurde acht Jahre später geboren. Die Schwestern wuchsen auf in einer grünen Seitenstraße in Steglitz, in dem prächtigen Mietshaus der Familie aus dem Jahre 1912.

Hiltraud und Antje waren hübsche Mädchen. Evelyne war schön. Und Evelyne hatte Sinn für das Schöne. Als sie in die Schule kam, pinselte sie ihre Hefte mit Buchstaben voll, malte Schwünge, zog Linien, setzte Punkte darüber, schrieb gestochen scharf. Die Buchstaben waren für sie wunderschöne Figuren, die keine weitere Bedeutung nötig hatten.

Die Babichs schickten ihre Töchter zum Ballett-Unterricht. Abends durften die Mädchen den Eltern vortanzen. Hiltraud war enttäuscht, als der Vater sagte: „Du kannst dich hinsetzen. Evelyne soll tanzen.“ Evelyne, deren Hals, Hände, Arme, Beine immer jenes entscheidende, kleine Stück länger waren, das aus dem Körper eines Menschen den Leib einer Elfe macht.

Auf der Straße hielt Evelyne sich an dem Kleid der Mutter fest, sie schlief am liebsten mit ihren Schwestern in einem Zimmer, obwohl sie ein eigenes hatte. Die Schwestern kannten Konkurrenz, Evelyne nicht. Sie war die Arglose, Sanfte, die Liebe, die Schöne mit der schönen Seele, die sich weigerte zu kämpfen, oder die nicht kämpfen konnte.

Es fehlte ihr an Ehrgeiz, sagen die Schwestern. Sie erwartete, dass die Dinge ihr zufielen. Evelyne träumte von der großen Liebe, einem Mann, der sie verehrte, von schönen Kleidern und schönen Menschen, einer Familie. Ihr Lieblingsfilm war „Vom Winde verweht“. Jeden Morgen ging sie durch einen Hausflur, der so aussah, als sei er ein Schloss-Foyer. Musste das Leben dann nicht auch so werden wie im Märchen?

Als Evelyne schon ihre Buchhändlerlehre abgebrochen hatte, als sie schon 1 Meter 82 groß war, holte sie sich ihre kleine Schwester Antje noch zum Kuscheln ins Bett. Die Schwestern waren beste Freundinnen, jahrelang. Die Kleine immer in Evelynes Schlepptau, Evelyne, die keine Lust hatte, erwachsen zu werden. Als Antje zwölf war, weckte die 20-jährige Evelyne sie nachts und nahm sie heimlich mit in die Disko, zog ihr einen BH an, stopfte ihn mit Papier aus, und schminkte ihr die Augen und den Mund. Antje war 15 und Evelyne hatte gerade die Prüfung als Gymnastiklehrerin bestanden, als sie zusammen für eine Woche nach London fuhren, und ihr Geld nach drei Tagen ausgegeben war. Das meiste für ein Paar handgemachte Stiefel aus Flickenleder für Evelyne. In London, da war Antje schon die Vernünftigere, die auf Evelyne Acht gab.

Evelyne hatte langes, blondes Haar, blaue Augen, eine schmale Taille und üppige Kurven. Als sie in den Ferien auf Mallorca an einem Schönheitswettbewerb teilnahm, hatten die anderen jungen Frauen nicht den Hauch einer Chance, Evelyne wurde „Miss Cala Radjada 1969“. Wo sie auftauchte, schauten ihr die Männer hinterher. Doch sie hatte ihr Herz schon verschenkt, als sie 17 war. An Barnie, den Sänger der Band „Barnie and the Phantoms" aus dem Club Riverboat am Fehrbelliner Platz. Barnie hieß im wirklichen Leben Bernd und paukte Jura, auf der Bühne sang er im Stil der Beach Boys. Die Fans belagerten seine Garderobe, doch Barnie hatte sich Evelyne ausgesucht. Sie war nun mal die Schönste auf der Tanzfläche.

Barnie musste sich länger bemühen, denn Evelyne war schüchtern, und eigentlich wollte sie keinen Musiker zum Freund. Doch sein Charme, die durchtanzten Nächte, das verzauberte sie irgendwann. Und schließlich studierte Barnie ja auch Jura, das klang nach Zukunft. Also saß Evelyne mit ihrer Bacardi-Cola hinter der Bühne und wartete. Auf Barnie. Sie sprach jetzt nicht mehr mit anderen Männern, sie tanzte nicht mehr. Sie langweilte sich, aber sie war verliebt, und sie dachte: Er wird mich einmal heiraten. Als Evelyne sah, wie er andere Frauen nach der Vorstellung mit nach Hause nahm, litt sie still und blieb doch bei ihm. Die Liebe fraß den eigenen Willen auf, die Selbstachtung. So ging das jahrelang, am Ende feierten sie dann doch Verlobung, im großen Stil, mit der ganzen Familie, und alles schien gut. Sollten die Träume doch noch wie im Film, wie im Märchen in Erfüllung gehen? Evelyne im hellblauen, bodenlangen Prinzessinnenkleid mit Tüllarmen, Barnie mit zauseligem Pilzkopf im Smoking.

Ein paar Monate später verließ er sie. Und etwas in ihr zerbrach für alle Zeit.

Sie lebte behütet im Haus ihrer Eltern, wo auch die Tante, der Cousin, später die Schwester eine Wohnung hatten. Sie arbeitete in ihrem eigenen Gymnastikstudio, aber sie begann, die Welt auf eigene Art wahrzunehmen. Sie hatte Angst vor Dingen, die andere nicht sahen. Die Ärzte nannten es Schizophrenie und gaben ihr Psychopharmaka, die ihr die Angst nehmen sollten. Wenn Evelyne heimlich nicht zum Arzt ging, wurde es schlimmer. Dreimal musste sie in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik.

Sie ging unter Protest, aber wenn sie dort war, sagt ihre Schwester, bewegte sie sich wie selbstverständlich in dieser Welt und kommandierte die wilden großen Männer auf der Station herum.

Evelyne rauchte, sie begann zu trinken, die Schönheit verging. Ihre Liebe zur Schönheit blieb. Sie kaufte Prinzessinnenkleidchen für die Töchter ihrer Schwestern. Sie malte, wurde Künstlerin in Steglitz, stellte ihre Bilder aus. Bilder, die jetzt in der Wohnung ihrer Mutter hängen. Ein Rundgang durch die Sechszimmerwohnung ist eine Reise in Evelynes Welt, eine Welt ohne Hässlichkeit und Bosheit. Große Ölgemälde in Pastell, romantisch-verklärte Szenen wie von Chagall. Ein Bild zeigt ein Paar im innigen Kuss, ein anderes eine schöne Frau mit traurigem Gesicht, rosa Tränen fallen herab.

Vor zehn Jahren hat sie einen Mann geheiratet, der sie liebte. Die Angst blieb. Im letzten Jahr wurde Evelyne zuckerkrank. Sie musste Diät halten und freute sich, als sie 20 Kilo in drei Monaten verlor. Im Frühling wollte sie einen neuen Badeanzug kaufen.

Sie saß mit ihrer Zigarette da, als ihr Mann sagte, komm nicht so spät schlafen und rauch nicht so viel. Später hat sie sich an ihn gekuschelt. Als er aufwachte, lag ihr Arm auf seinem, kalt. Bei der Obduktion stellten die Ärzte einen Herzinfarkt fest. Es war nicht der erste. Die Ärzte fanden Narben auf ihrem Herzen. Kirsten Wenzel

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