Wirtschaft : Geb. 1948

Elke Templin

Thomas Loy

Elke Templin

Ein Haus bauen, das man nicht sehen kann. So viel Mut sollte der Mensch haben, so viel Glaube an das Unmögliche. Ihr Vater, fast blind aus dem Krieg heimgekehrt, baute ein Haus für seine Familie. Er ahnte, dass ein festes Fundament fürs Leben braucht, wer darin bestehen will. In diesem Haus übte Elke früh den sicheren Gang. Wie ihn Herbert Grönemeyer beschreibt, in dem Liebeslied an seine verstorbene Frau.

Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet. Hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt.

Wenn Elke einen Raum betrat, füllte sie ihn aus – mit ihrem Lachen, ihrer klaren Stimme, ihrer Leuchtkraft. Was fängt man an im Leben, mit so viel positiv geladener Energie?

Elke studierte Sozialpädagogik und kümmerte sich um die Menschen ohne sicheren Gang. Um Drogenabhängige. Um Frauen, die von ihren Männern verprügelt wurden. Um Obdachlose. Sie wurde zur Expertin für soziale Projekte in Not. Wenn es Ablehnungen gab, die Fördertöpfe verschlossen blieben, wenn alle sagten, das schaffen wir nie, fing Elke überhaupt erst an zu kämpfen. „Die Kuh muss vom Eis“, sagte sie dann. Wie das geht? Hingehen. Gut zureden. Kompromisse vorschlagen. Das Wichtigste: Nicht aufgeben!

Anfang der neunziger Jahre suchte Elke für die Frauen, die sie betreute, eine feste Bleibe. Ihr Blick fiel auf die leer stehenden Alliiertenwohnungen in Zehlendorf, die inzwischen dem Bund gehörten. Doch der Bund wollte sie für seine Bonner Beamten freihalten und bewegte sich keinen Millimeter vom Fleck. Elke und ihre Frauen besetzten ein Haus und trommelten die Presse herbei. Mehr als einmal zogen sie zum Sitz der Oberfinanzdirektion. Den Beamten blieb schließlich nichts anderes übrig, als mit Elke zu verhandeln. Beim Treffen überreichte sie einen Topf mit Vergissmeinnicht. Wäre eigentlich nicht nötig gewesen.

Elkes Leben war eine vollkommene Verschmelzung von Politischem und Privatem. Das war schon Anfang der Achtziger so. Elke und Norbert lernten sich in einer Kreuzberger Kneipe namens „Schmeißfliege“ kennen. Der Name war eine Anspielung auf ein Verdikt von Franz-Josef Strauß; die Kneipe zu betreten, war ein politisches Bekenntnis. Und doch fragte Elke, die wegen eines Kongresses nach Berlin gekommen war: „Und was hältst du von der Revolution?“ Norbert war klar, dass von seiner Antwort jetzt alles abhing. „Ich bin die Revolution“, sagte er.

Für einen der folgenden Tage hatten sich die beiden zu Frühstück und Flohmarkt- Schlendern verabredet – ein vielfach erprobtes Tagesprogramm für Verliebte in Kreuzberg. Elke rief an, um die Feinheiten zu besprechen, da hätte Norbert die Sache fast noch vergeigt. „Hallo, hier ist Elke.“ – „Elke? Welche Elke? Ich kenn’ viele Elkes.“

Überaus dumm gelaufen, aber Norbert konnte sein Missgeschick wieder geradebiegen. Jede Langzeit-Partnerschaft braucht schließlich eine Anekdote für den Gründungsmythos.

Wir haben uns geschoben durch alle Gezeiten, haben uns verzettelt, uns verzweifelt geliebt.

Elkes Leben erfüllt sich. Eine Ehe, ein Sohn, viele Vertraute, eine nie abreißende Kette von Herausforderungen. Im Sommer geht es zum Auffrischen der Lebensgeister nach Griechenland. Vor vier Jahren dann die erste Hiobsbotschaft: ein Tumor. Elke gelingt es, auch diese Ungerechtigkeit zu heilen. Aber der Krebs kommt wieder und diesmal meint er es ernst. Dann eben den Pfarrer anrufen. Den kennt Elke schon lange. „Christian, ich möchte, dass du meine Beerdigung machst.“

Christian kommt ein paarmal vorbei, um mit Elke über den Tod zu sprechen. Was ist das für einer? Warum beharrt der so auf seinem Absolutheitsanspruch? Vor wichtigen Terminen hat sich Elke immer mit Freunden über Strategie und Argumentation beraten. Natürlich auch über die vermutliche Strategie der Gegenseite. Sie konnte sich gut in ihr Gegenüber hineinversetzen, sagt Norbert.

Also: Was will der Tod? Bangemachen natürlich, den großen Zampano und Terminator markieren. Aber Elke durchschaut ihn, schaut durch ihn hindurch auf das, was nach ihm kommt.

Du hast der Fügung deine Stirn geboten, hast ihn nie verraten, deinen Plan zum Glück.

Elke verabschiedet sich von ihren vielen Freundinnen: „Bis später!“

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